Leben in Artà - Mallorca 

   

 

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Literatur

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 Begegnungen mit der katalanisch(sprachig)en Literatur

Die Literatur hat es Figaro schon immer angetan. Ihrer Faszination hat er sich ein Leben lang überlassen. Erst wurde sie bestimmend für die Wahl seiner Studienfächer, in der Folge auch für seinen Beruf. Hatte er doch wegen Camus und Sartre einst das Englische aufgegeben, wegen Diderot und Voltaire die Sprachwissenschaft. Heute, nach Jahrzehnten des Umgangs mit Literatur von Berufs wegen, weiß er, dass es keinen sichereren Zugang zu Land und Leuten, zur Kultur eines Landes gibt. Wo auch könnte Sprache freier, intimer sein als im imaginären Raum der Literatur? Im Worthülsenhandel der Politiker, Ökonomen oder Experten etwa oder in der Alltagsrede – so gestalt- und willenlos wie sie dort daherkommt? Erst in der Literatur findet auch das Alltägliche, Flüchtige und Verborgene Anschauung und Dauer. Zumindest für den, der sich Zeit nehmen kann. Für den wird Literatur geradezu zum Wundermittel der Entschleunigung in der Hektik unseres Lebens. Für Figaro war "das gute Buch" daher schon immer ein Partner und Freund besonderer Art: stets zur Hand, wenn man ihn wirklich braucht.

Und gegenwärtig scheint es ihm wieder so weit. Die Literatur soll Figaro einmal mehr helfen, einen Ausgang aus dem Labyrinth seines Alltags auf der Insel zu finden, in die ihn der Sprachenstreit tiefer, als er zugeben mag, gestürzt hat. Wie sehr hatte sich der Nordländer über sein neues Leben in Artà gefreut! Soll er nun als Freund des Spanischen sprachlos werden, sich gar als Paria für die Kultur der Insel empfinden, ungleich gefährlicher als all die, die als Zugereiste ungerührt ihre Muttersprache beibehalten? Oder doch für den Hausgebrauch – wenn auch nicht im Vorbeigehen – katalanisch lernen, wo ihm doch auf Spanisch leicht und lustvoll über die Lippen kommt, was auf Katalanisch auf lange Zeit hin nur als mühseliges Stottern vernehmbar wäre? Lässt sich ein freier Mensch ohne Not auf einen solchen Tausch ein? Schwerlich!

In einem solch existentiellen Dilemma setzt Figaro auf die Literatur, vertraut er auf ihre Kraft zum Königsweg. Warum sollten katalanische Autorinnen und Autoren nicht schaffen, was alle Praktiken der Diskriminierung nie vermöchten: die Liebe zur Sprache über Werke wecken, auch wenn er diese – faute de mieux – zunächst nur in Übersetzungen auf sich wirken lassen kann. Weiß er doch aus Erfahrung, dass die Erzählungen und Romane der Janer Manila oder Mercè Rodoreda, der Antònia Oliver oder Josep Pla auf Dauer verlässlichere Botschafter sind als alle Parteitagsbeschlüsse und Verwaltungsrichtlinien der Welt. Und wenn es denn am Ende – der fortgeschrittenen Jahre wegen – zu einem fließenden Katalanisch nicht mehr reicht, so bleibt doch die Entdeckung eines zauberhaften Gartens europäischer Literatur, an dem er beinahe achtlos vorbeigegangen wäre.

Figaro jedenfalls hat seine Wahl getroffen. Freudig wird er sich auf diese neuerliche Entdeckungsreise begeben, sich auf seine ganz persönlichen Begegnungen mit der katalanischen Literatur einlassen. Wer mag, kann ihm hier dabei über die Schulter schauen ...

Maria Barbal

Maria Barbal Wie ein Stein im Geröll
Sergi Pàmies Der große Roman über Barcelona
Jaume Cabré Die Stimmen des Flusses
Montserrat Roig Zeit der Kirschen
Ramón Llull Llibre d'Amic i Amat
Anthologie Und laß als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer
Carme Riera Der englische Sommer
Emili Rosales Tiepolo und die Unsichtbare Stadt
Baltasar Porcel Das Mittelmeer
Víctor Català Solitud
Maria Antònia Oliver Mallorca Mord inbegriffen
   WieWie ein Stein im Geröllim

     - Wie ein Stein im Geröll -

 

     Maria Barbal (dt. 2007)

  

In einem Gelände, dem die Flut der Bücher unablässig ein neues Profil zu geben scheint, ist die Literaturkritik naturgemäß immer ein wichtiger Wegweiser. Der Anspruch auf das eigene Urteil  jedenfalls entpuppt sich da nur allzu leicht als Mangel an Belesenheit.

Figaro, Novize im Umgang mit katalanischer Literatur, konnte diese Erfahrung erst jüngst wieder machen. Wie hatte er sich gefreut, Maria Barbals Erfolgsroman Pedra de tartera (1985) endlich als Taschenbuch preiswert auch auf Deutsch – Wie ein Stein im Geröll – erwerben zu können. Denn Romane wie Auf der Plaça del Diamant von Mercè Rodoreda oder von Llorenç Villalonga Das Puppenkabinett des Senyor Bearn hatten ihn auf die Spur dieser  Erfolgsautorin gebracht, die 1949 in einem Dorf in den Pyrenäen geboren wurde und aus Überzeugung von allem Anfang an katalanisch geschrieben hat. Dass er indes mit seiner „Entdeckung“ nicht allein stand, machte ihm gnadenlos ein Aufkleber mitten auf dem Coverfoto bewusst, der, einem Trichinenstempel im Schlachthof gleich, seine Ware als unbedenklich, wo nicht gar als bekömmlich auswies: „Empfohlen von Elke Heidenreich in Lesen!“ Was für eine Botschaft!

Auch auf Figaro verfehlte sie ihre Wirkung nicht. Länger als es sonst seine Art ist, hat er sich zunächst einmal über die vielen Empfehlungen gebeugt, ein wenig gar im Internet recherchiert. Eine wahre Jubelarie, und so unisono! Sollten etwa auch Literaturkritiker voneinander ... wissen? Figaro verwarf diesen frivolen Gedanken rasch wieder. Dennoch hing er noch eine Weile dem Tenor der Urteile nach ... Das Bäuerliche und Einfache, eine Haltung des Klaglosen-Auf-Sich-Nehmens wurde da hervorgehoben, ein entbehrungsreiches Leben, das mit einem Mal so viel authentischer schien als die künstlichen Glamourwelten des angeblichen Fortschritts im Norden. Geradeso als präsentiere sich die vergessene Welt Kataloniens mit dieser leisen Stimme als das Andere einer kränkelnden, an sich selbst zweifelnden Moderne.

Figaro beschlich angesichts dieser Welle von Begeisterung das dumpfe Gefühl eines Déjà-vu. Hatten nicht einst die deutschen Romantiker das ferne Spanien als „schöne Wüste“ entdeckt, als Traumland ihrer fortschrittsfeindlichen Phantasie gefeiert und lockt nicht die Tourismusbranche bis heute mit dem Klischee eines „Spain is different“? ... Und nun also Katalonien? Ausgerechnet jenes eigentlich immer schon Europa zugewandte Katalonien als das Andere, das uns Nordländern den Spiegel des wirklich Wichtigen vorhält?

Müßige Zweifel allemal, die Figaro angesichts des marktschreierischen Gewerbes der Kritik da bewegten. Waren sie doch wie weggeblasen, als er den Roman endlich aufschlug und zu lesen begann:

"Man sah gleich, dass wir bei uns daheim viele waren. Und eine schien man entbehren zu können."

Figaro hielt begeistert inne. Was für ein Anfang! Umwerfend! Andere Romananfänge kamen ihm in den Sinn: „Die heldenhafte Stadt hielt Mittagsruhe. ...“ in Die Präsidentin von Clarín oder jenes „Viele Jahre später..." der Hundert Jahre Einsamkeit von García Márquez. Auch diesmal war der Grundton des gesamten Buches mit dem ersten Satz bereits unverwechselbar angeschlagen – nüchtern, unsentimental, realistisch hier – , das Grundmuster dieses Lebensweges implizit vorgezeichnet, erkennbar bereits als ach so unspektakulärer „Spannungsbogen“ eines namenlosen Menschen, mit dem die Zeitläufe umgehen wie die Natur mit einem „Stein im Geröll“.

Aber doch zugleich auch wieder konkret genug, den Beginn dieses Lebensweges in jenem Katalonien am Vorabend des Bürgerkrieges zu situieren. Man braucht der Ich-Erzählerin nur zuzuhören: 

"Ich war die fünfte von sechs Geschwistern, und auf die Welt bin ich gekommen, wie die Mutter sagte, weil Gott es so gewollt hat, und was Er einem gibt, muss man annehmen." 

Wir wissen gleich, diese Welt – kinderreich, katholisch, karg – ist nicht die unsere. Oder zumindest ist sie es nicht mehr. Und doch glauben wir, sie zu kennen, bereit, uns gar ein Stück weit mit ihr zu identifizieren. 

"Maria, das war die Älteste, kümmerte sich schon mehr um den Haushalt als die Mutter selbst, Josef, der Erstgeborene, würde einmal alles erben, und Joan ging aufs Priesterseminar. Von uns drei anderen, den Kleinen, habe ich oftmals sagen hören, wir würden mehr Arbeit als Freude machen. Rosige Zeiten waren das nicht." 

Großartig, wie diese gelassene Dramatik in der aufzählenden Vorstellung der Familie von einem Gemeinplatz abgeschlossen wird, der jedes Pathos im Keim erstickt. Auf Figaro wirkt diese sardonische Diskretion wie eine unabweisliche Einladung, auf das fremde Leid genau hinzuschauen, sich seiner eigenen Kindheit zu erinnern, sich gar zu solidarisieren mit den Schicksalen einer Welt, die vergangen, die untergegangen ist – auch in Katalonien. 

Trauer müssen wir darum nicht empfinden. Wohl aber Dankbarkeit für dieses überzeugende literarische Zeugnis einer Welt, die hoffentlich so bald nicht mehr die unsere ist – nirgendwo auf der Welt. Zumindest wenn wir uns die Zeit nehmen, der Protagonistin zuzuhören, jener bescheiden unbeugsamen Conxa, die das Leben gelehrt hat, zu leiden, ohne zu klagen und dabei das Leben dennoch dankbar anzunehmen. 

Figaro jedenfalls fühlt sich eigenartig gestärkt, als er Stunden später das Buch wieder aus der Hand legt.  

 

Der große Roman über Barcelona

   - Der große Roman über Barcelona -

 

   Sergi Pàmies (st. 2003)

 

Den 2003 als Suhrkamp Taschenbuch auf Deutsch neu verlegten Titel hatte Figaro im Internet bestellt und nicht, wie es seine Gewohnheit ist, ihn zuvor in einer Buchhandlung erst einmal angelesen, so wie ein Weinkenner den ihm angepriesenen Tropfen vor dem Kauf genüsslich verkostet. Denn der Name des preisgekrönten Erfolgsautors war ihm wegen dessen Absage zur Teilnahme an der Buchmesse in Frankfurt in Erinnerung geblieben, die 2007 die Literatur Kataloniens zum Schwerpunktthema gekürt hatte. „Illegal“ war Sergi Pàmies damals die einseitige Fixierung auf das Katalanische erschienen, diskriminierend auch für die spanisch schreibenden Schriftsteller Kataloniens. In den Augen Figaros eine löbliche Geste gegen die politische Instrumentalisierung der Literatur. Gibt es doch angepasste Intellektuelle in unserer Expertenkultur satt und genug!

Als er das 1997 im Original erschienene Buch tags darauf in der Hand hielt, erkannte er unschwer das ironische Spiel mit der Titelerwartung. Denn Der große Roman über Barcelona war weder groß noch ein Roman, und der Schauplatz Barcelona war ohne Lokalkolorit kaum erkennbar, eher eine Metropole, die wir in der globalisierten Gegenwart überall antreffen können, wie auch die Handlungsmuster dieser Erzählungen mit ihren namenlosen Zeitgenossen.

Ein witziges und doch gnadenlos ernüchterndes Portrait unserer Tage entsteht so, ein offenes Portrait zudem, das sich mit seinen zahllosen Fragmenten immer neu fortschreibt. Und vorgestellt wird das alles mit der Virtuosität eines Meisters der grotesken Komik, gleichsam eines Buster Keaton der Literatur mit Tiefgang.

Eine Anekdote nur zum Beleg. Sie ist der längsten der 15 Erzählungen des Bandes entnommen und ihr Titel La gran novel, la de Barcelona hat auch der ganzen Sammlung den Namen gegeben. Auf den ersten Blick könnte sich die Geschichte, die sie skizziert, an vielen Orten der Welt zugetragen haben. Doch lesen Sie selbst!

„Die junge Frau lernte ihren Mann in der Nähe eines Kastells kennen, das auf der Spitze eines Berges steht, und zwar genau an der Stelle, wo er später erschossen wurde.“

Mit einer einfachen Vorausdeutung umschließt dieser Eröffnungssatz Anfang und Ende des Lebensglücks unserer namenlosen Heldin, nicht jedoch das Ende ihres Leidens.

„Nachdem Jahre danach ein langer Prozess bürokratischer Erniedrigung überstanden war, wurde ihr ein Grab (die echten Gebeine lagen im Massengrab) in einer Ecke des Friedhofs zuerkannt, nur wenige Meter vom Tatort entfernt.“

Nach der widerrechtlichen Erschießung folgt also der zermürbende, lebenslange Kampf um Rehabilitierung des Ermordeten, ein Kampf, der bis heute ohne befriedigendes Ergebnis bleiben sollte.

„Die junge Frau, die inzwischen eine Greisin mit zwei Sparbüchern und Krampfadern ist, steigt ab und zu hinauf, um sozusagen die Landschaft zu betrachten. Die drei Schornsteine im Vordergrund. Dahinter nur Nebel. Alterskurzsichtigkeit stellte der Arzt fest.“

So einfach kann das Unerklärliche sein: kreatürlicher Verfall als Erklärung ihrer Leiden. Doch so viel weiße Salbe gegen Verbrechen und kollektives Versagen reizt sie denn doch zum Widerspruch, diskret unterstützt von der Erzählerstimme.

„Nicht nur das Alter, ich habe genug, widersprach sie. Genug davon, die Haustür mit der von nebenan zu verwechseln, die Fünfpesetenstücke mit den Fünfundzwanzigern. Genug davon, sich die Fotografie dicht vor die Nase halten zu müssen, um den Mann zu erkennen, der sie vor langer Zeit ganz in der Nähe des Ortes verführte, an dem jetzt der Sportpalast steht, der von einem Japaner gestaltet wurde.“

Diese ohnmächtige Geste des Protestes, die der Erzähler über den Moment hinaus verlängert, beschließt unsere Anekdote. Eine Lebensgeschichte im Zeitraffer und im Kern – Gott sei’s geklagt – eine Allerweltsgeschichte. Und doch auch unverwechselbar angesiedelt im Barcelona der zurückliegenden sieben Jahrzehnte. Ein Zeitraum also erlebter Zeitgeschichte für den Katalanen und Spanier, der sich auskennt und der bereit ist, sich zu erinnern: an die Erschießungskommandos am Kastell auf dem Montjuic zur Zeit des Bürgerkrieges, an den Staatsterror der Franco-Diktatur, der politisch Andersdenkende bis weit in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verfolgen, ausrotten und in Massengräbern verscharren ließ, Gräueltaten, die zu verdrängen das demokratische Spanien lange fest entschlossen schien, berauscht vom Wirtschaftswunder und geblendet vom Glanz internationaler Anerkennung wie zur Zeit der Olympischen Spiele. Spanien – Katalonien zumal – war zurück im Kreis der führenden Nationen in der Welt! Wer mochte da schon der ungezählten Opfer gedenken? Politik, Presse und Massenmedien jedenfalls nicht! Bevor der Skandal der Verdrängung dort in diesen Tagen endlich zum Thema wird, hatten Literaten lange zuvor in einem breiten Strom literarischer Reflexion von den „Identitätszeichen“ (!966)  eines Juan Goytisolo bis zum „Langen Marsch“ (1996) eines Rafael Chirbes wider den Stachel dieses politischen Konsenses gelöckt. Kein schlechter Kontext zur Bewertung unserer Anekdote in den Augen Figaros. Auch wenn die Stimme von Sergi Pàmies so unverwechselbar anders klingt als die seiner Vorgänger.

In der Tat, wie grandios lakonisch der Ton, frei von Pathos und Sentimentalität! Alles hier ist Diskrepanz: das raffende Erzählen steht zum Unfassbaren des Erzählten – Erschießungen, Massengräber, Verdrängen – in ebenso krassem Widerspruch wie die Reduktion des langen seelischen Leidens auf wenige körperliche Leiden – Krampfadern und Alterskurzsichtigkeit. Es ist die Kunst des Absurden. Bringt doch gerade eine solche Karikatur des namenlosen individuellen Leidens allererst vor den Blick, was im Horizont des rasanten Wandels einer Metropole nur allzu leicht in Vergessenheit gerät. Macht der grotesken Komik halt, die erheitert, bevor sie nachdenklich stimmt.

Figaro jedenfalls hat diese Anekdote auf die weiteren Erzählbände dieses Nonkonformisten neugierig gemacht. Signalisieren doch Titel wie Du solltest dich in Grund und Boden schämen (2001) oder Wie man in eine Zitrone beißt, ohne das Gesicht zu verziehen (2008) jenen grotesken Zuschnitt unserer Gegenwart, den er im Großen Roman über Barcelona schätzen gelernt hat.

  Die Stimmen des Flusses

   - Die Stimmen des Flusses -

 

     Jaume Cabré 

 

   Roman aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt

      Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008

667 Seiten und das einmal mehr über eine Geschichte aus den Tagen des spanischen Bürgerkriegs und der Diktatur? Figaro hob unwillkürlich die Augenbrauen – ars longa, vita brevis Doch die anfänglichen Zweifel waren schnell verflogen. Nun, nach wenigen Monaten, hat Figaro den zeitgeschichtlichen Roman dieses vielfach ausgezeichneten Schriftstellers, Journalisten und Drehbuchautors aus freien Stücken bereits ein zweites Mal gelesen. Und er fühlt sich reich belohnt.

Es ist in der Tat eine atemberaubende Geschichte, die gleichwohl zum Nachdenken einlädt – über die vielfältigen Verdrängungen und Verstellungen der Ermordung eines Dorfschullehrers in den ersten Jahren der franquistischen Diktatur in einem abgelegenen Bergdorf in den Pyrenäen Kataloniens. Denn so spannend sich die Suche danach auch gestaltet, was in jener Mordnacht des 17. Oktober 1944 in der Dorfkirche wirklich geschehen ist, so abenteuerlich legen sich gegenläufige Instrumentalisierungen dieses Todes wie ein undurchdringlicher Schleier über jene menschenverachtende Tat.

War der Tod von Oriol Fontelles Ausdruck der mutigen Tat eines Helden des Vaterlandes, wie sie die Blauhemden der Falange sehen wollen, oder im Gegenteil Ausdruck eines selbstlosen Aktes des Widerstandes gegen Franco und dessen Rückeroberung Kataloniens, jenes berüchtigten „Ha llegado España", wie die „Roten", die Kämpfer des Maquis und der Internationale gegen den Faschismus in Europa, im Untergrund verbreiten lassen? "Weder – noch", verkündet die Kirche, die stattdessen den Namenlosen nahezu sechs Jahrzehnte später als wundertätigen Märtyrer ehren lässt – auf Betreiben von Elisenda Vilabrù, der heimlichen Geliebten des Toten und der ungekrönten Herrscherin der Region. Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch auf einer eher privat alltäglichen Ebene, ist das Geschehen Ausdruck einer den politischen Wirren geschuldeten Verzweiflungstat eines Mitläufers wider Willen, der sich mit seiner Wandlung vom Faschisten zum Widerstandskämpfer von seiner eigenen Feigheit zu distanzieren sucht, um posthum in den Augen seiner Familie bestehen zu können. Diese Sicht wird zumindest durch den Zufallsfund seines langen Abschiedsbriefes an seine noch ungeborene Tochter nahe gelegt, den eine Gymnasiallehrerin und Journalistin, die an einem Projekt über den Wandel des Schulbuches von 1940 bis 2002 arbeitet, in einer hinter der Wandtafel verborgenen Zigarrenkiste just in dem Augenblick findet, als die alte Dorfschule in Torena abgerissen wird und die Kurie in Rom ihre Opfer des Spanischen Bürgerkrieges als Märtyrer zu ehren beginnt.

Angesiedelt ist das lange tief verdrängte Geschehen in einem Schreckensdorf, wo hinter der beschaulichen Idylle der unversöhnliche Hass der Generationen an den Fassaden der Häuser klebt und von wo eine unwiderstehliche, aber eiskalte Kazikin – eine „Doña Perfecta" des 20. Jahrhunderts – unerbittlich und über den Wechsel der politischen Systeme hinweg alle Fäden der Macht im Lande zieht. Ein fiktiver, gleichwohl emblematischer Ort, denn Torena ist – in Katalonien, ist in Spanien – überall.

Unterstützt wird dieser Eindruck, weil das Geschehen gleichsam als mise-en-abîme inszeniert wird, nicht linear, sondern durch unablässige Wiederaufnahmen, durch rasche filmische Überblendungen der Zeitebenen, Schauplätze und Perspektiven zirkular erzählt. So entsteht eine temporeiche, gleichsam kriminalistische Suche voller witzig grotesker wie ernster und lyrischer Momente. Ein barockes Universum, in dem nichts ist, was es scheint, am wenigsten die Liebe und der Tod. Ein tragikomisches Epos wider das Vergessen, ohne die übliche Selbstgefälligkeit der Ankläger, die Verstocktheit der Unbelehrbaren oder den naiven Idealismus der Gutmenschen, zu sehr scheinen Heuchelei und Lüge hier als Quellgrund gesellschaftlichen Versagens allgegenwärtig – damals wie heute. Eine Satire mithin ohne den faden Triumphalismus eines „Nie wieder … !"

Wer hier mit Würde aussteigt, tut es stoisch und still wie Rosa, die schwangere Frau des Dorfschullehrers, die den feigen Opportunismus ihres Mannes nicht mehr erträgt und lieber einer ungewissen Zukunft entgegengeht.

„Rosa verließ Torena am Tag vor Weihnachten, dem Tag, an dem Ventureta [die von „Henker von Torena" erschossene vierzehnjährige Geißel] zu Grabe getragen wurde, als alle bei der Arbeit waren und Oriol in Sort an einer Konferenz aller Lehrer der umliegenden Täler teilnahm, einberufen vom Abgeordneten der Falange Española, der sie überreden wollte, der Falange beizutreten, und zwar geschlossen, Kameraden. Rosa ging wie ein Flüchtling, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Sie wusste, dass sie außer ihrem Korb und ihrem vollen Koffer alle Illusionen mitnahm, all ihre Vorstellungen davon, wie schön es hätte sein können. Sie tat es, weil sie eine starke Frau war und nicht wollte, dass ihr Kind neben einem Faschisten aufwuchs. All ihre Hoffnungen trug sie in ihrem Bauch."

Ein starker Protest, den die Gleichgültigkeit der Zeitgenossen gleichwohl in einen ohnmächtigen Verlierergestus verwandelt. Dass er dennoch weit reichende Folgen hat, liegt an der unterschwelligen tragischen Ironie dieser Erzählung selbst: Denn das Kind in ihrem Bauch wird nach der heimlichen Zwangsadoption durch Elisenda als skrupelloser Geschäftsmann sowohl die Träume seiner leiblichen Eltern auf Rehabilitation als auch die Machtträume seiner Adoptivmutter durchkreuzen. Und so entlässt uns der Roman mit einem melancholischen Quo vadis, mundus? Oder in den letzten Worten des alten Steinmetzen aus Torena: „Man weiß nie, wo das Unglück endet." Zumindest solange die Menschen ihr Leben unter Lüge und Heuchelei begraben.

Kein Zweifel: gerade die wiederholte Lektüre dieses 2004 unter dem Titel Veus del Pamano veröffentlichten Romans, an dem der 1947 in Barcelona geborene Autor nach eigenen Angaben sieben Jahre gearbeitet hat, lohnt. Und wäre Figaro des Katalanischen mächtiger, er würde ohne zu zögern sofort weitere Werke wie L’ombra de l’eunuc (1996) oder Viatge d’hivern (2000) auf seine Liste setzen, ohne erst noch lange auf die löblichen Vermittlerdienste einer Übersetzerin wie Kirsten Brandt zu warten.

Montserrat Roig

  - Zeit der Kirschen -

 

   Montserrat Roig

 

        Moos & Baden-Baden: Elster 1991

Zugegeben: dieses Buch hat Figaro überhaupt nur in die Hand genommen, weil sein Titel El temps de les cireres ihm unwillkürlich die Erinnerung an den Chansonnier Yves Montand zurückbrachte, für den er als Student in Frankreich einst geschwärmt hatte. Dessen sinnlich melancholischer Vortrag jenes Liedes Le temps des cérises von Jean Baptiste Clément, eines Dichters aus den Tagen der Pariser Kommune, ließ ihn damals wohlig vage vom Anbruch einer glücklichen, angstfreien Zeit träumen. Dass dieses Lied aber zur gleichen Zeit für die Studenten in Barcelona, die in Protesten gegen die franquistische Repression ihre Karriere und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten, zur konkreten Utopie werden konnte, hat ihm erst dieser zeitgeschichtliche Roman aus dem Jahre 1977 von Montserrat Roig offenbart.  

Von dieser in den siebziger und achtziger Jahren in Katalonien und landesweit aus Presse und Fernsehen bis zu ihrem frühen Tode 1991 sehr bekannten Journalistin und Schriftstellerin hatte er nie zuvor auch nur eine Zeile gelesen, weder ihre mutigen Reportagen und Interviews – Els catalans als camps nazis (1977) etwa – noch ihre zeitkritischen Romane. Und die Veröffentlichung der Zeit der Kirschen 1991 in einem kleinen Verlag für Frauenliteratur war für Figaro lange Zeit auch nicht gerade eine ausgesprochene Empfehlung. Stolz ist er auf so viel Ignoranz freilich nicht.

In gewisser Weise eröffnet die 1946 geborene Montserrat Roig den Reigen jenes neuen Typs von Autorinnen, die nicht zuletzt publizistisch sehr erfolgreich sind wie Esther Tusquets, Carme Riera, Maruja Torres… Mit ihnen rückt vor allem das Thema der in der Liebe frustrierten Frau mit allen seinen Spielarten in den Mittelpunkt. Die gesellschaftliche Benachteiligung der Frau, die ja bereits seit den Tagen des Realismus angesagt ist und zuletzt in den Romanen von Maria Barbal und Mercè Rodoreda ihren sozial denunziatorischen Niederschlag gefunden hatte, erhält hier nun mit der prononzierten Opferrolle gegenüber dem Mann gleichsam ihren frühen feministischen Einschlag.

Bei Montserrat Roig findet diese allgemeine Klage auch einen konkreten Adressaten: die  katholische Erziehung, in Sonderheit die Klosterschule. In den traumatischen Erinnerungen ihrer Protagonistinnen erscheint sie nicht nur als Quellgrund lebensfeindlicher Verklemmungen, sondern auch als Hort einer perfiden binnenspanischen Kolonialisierung: Mit dem Schüren einer allgegenwärtigen Angst vor der Sünde, verbunden mit Drohungen wie “Sprich christliches Spanisch und nicht dieses teuflische Katalanisch, du böses, böses Mädchen“, wurden diese Töchter der Mittelschicht geradezu systematisch ihres Körpers und ihrer Kultur entfremdet.

Aber auch ihre Väter verloren hier mit dem Einmarsch der Franquisten ihre Identität. Wer wie Joan Miralpeix, der in seiner Jugend mit der Linken sympathisiert hatte, drei Jahre das  Konzentrationslager von Betanzos überlebt, spricht fortan die Sprache der Sieger oder wird gemütskrank.

"Calia deixar ben endarrera els aires que els havien dut tantes desgràcies. Calia regirar el pensament, calia commençar a parlar d’una altra manera, vestir-se com ells volien, tancar-se a casa, dormir, fer-hi una llarga i compacta dormida, calia no sortir al carrer, perquè el carrer era d’ells – l’única revenja possible: fer diners […]."

(Es kam darauf an, das Klima weit hinter sich zu lassen, das ihnen soviel Unglück gebracht hatte. Es kam darauf an, das Denken umzukrempeln, man musste auf eine andere Art und Weise reden, sich kleiden, wie sie es wollten, sich zu Hause einschließen, schlafen, in einen langen, festen Schlaf versinken, lieber nicht auf die Straße gehen, denn die Straße gehörte ihnen – die einzige mögliche Rache: Geld machen […].)

Schweigen, um zu überleben, Geld scheffeln, um zu vergessen – für Joan Miralpeix aus Eixample, dem Viertel des wohlsituierten Bürgertums in Barcelona wird diese traurige Maxime zur tödlichen Falle. Je länger der Tod Francos auf sich warten lässt, umso mehr entgleitet dem Baulöwen seine Familie, werden aus Liebe Gleichgültigkeit, Angst und Hass.

Seine Tochter Natàlia, die Protagonistin des Romans, wird Opfer und Zeugin dieses langsamen Selbst-zerstörungsprozesses des katalanischen Bürgertums. Aus Wut über die Niederschlagung der Studentenproteste in Barcelona und aus Angst, der eigene Vater könne ihre illegale Abtreibung der Polizei zur Anzeige bringen, hatte sie 1962 das Land verlassen, das Jahr, in dem die Diktatur mit der blutigen Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks in Asturien und der Hinrichtung des Kommunistenführers Grimau dem demokratischen Europa seine Entschlossenheit zur Repression demonstierte. Als sie es 1974 wieder betritt, steht das Land noch unter dem Schock des wenige Tage zuvor unter den flammenden Protesten des Auslandes garottierten Anarchisten Puig Antich. Für Natàlia ist diese Nachricht das traurige Signal über zwölf weitere Jahre Stillstand, Korruption, Grabesruhe, zwölf Jahre, in denen hinter der Fassade wachsenden Wohlstandes der moralische Verfall ihres Landes unaufhaltsam fortgeschritten ist. Ihre eigene Familie, deren Mitglieder sie in den sechs Kapiteln des Buches nacheinander vorstellt, bieten ihr diese traurige Gewissheit: eine erschreckende, tragikomische Orientierungslosigkeit allenthalben, ein morscher Stamm, an dem die Wurzeln der eigenen Kultur gründlich verdorrt sind und dem die wabernden Mythen westlichen Konsums nicht wirklich eine neue Blüte verheißen. Kein gutes Omen für eine neue Zeit der Kirschen – auch nach dem Abgang des Diktators nicht.

Eine ernüchternde, eine bedenkenswerte Bilanz dieser feministischen Katalanistin, die ihr gleichwohl noch im Jahr des Erscheinens den angesehenen Sant Jordi Preis eingetragen hat. Angekündigt hatte sie sich bereits 1972 in dem Roman Ramona, adéu. Sie setzt sich nach El temps de les cireres 1980 mit L’hora violeta fort. Alle drei bilden eine lockere Trilogie, eine Art Familiensaga in Form eines Nebeneinanders von Lebensläufen, ein lebendiges Mosaik der katalanischen Mittelschicht. Gewiss, die Miralpeix mögen in der Phantasie ihrer Leser nicht die poetische Kraft der Buendías oder Buddenbrocks entfalten, aber eine unterhaltsame Lehrstunde zum besseren Verständnis des heutigen Katalonien sind sie allemal. Und noch sind die Übersetzungen ihrer Romane preiswert in Restposten im Internet zu beziehen.

Llibre d'Amic i Amat

 - Llibre d'Amic i Amat -

 

Ramón Llull

 

Pollença: El Gall Editor 2004

 

Nach so viel Vergangenheitsbewältigung auf Katalanischwill sagen in den unterschiedlichen Modi der Ironie in der zeitgenössischen Erzählliteratur stand Figaro der Sinn nach mehr Eigentlichkeit der Rede. Zugetragen hat sie ihm der Zufall eines Ausflugs nach Randa. Dort in der Einsamkeit jener Berglandschaft hatte einst Ramón Llull Jahre seines Lebens verbracht, jener Gelehrte, dessen Ruf als Theologe, Philosoph und Dichter im Mittelalter ganz Europa überstrahlte und in dem die kulturellen und politischen Eliten des katalanischen Sprachraums gerade heutzutage wieder eine identitätsstiftende Lichtgestalt erblicken, vergleichbar einem Dante in Italien.

In der Buchauslage des kleinen Souvenirladens im dortigen Ramón Llull-Museum war ihm jenes schmucklose Büchlein aus der Reihe Clàssics del Gall in die Hände gefallen, dessen Titel – Llibre d’Amic i Amat – gleichwohl nichts Geringeres als eine Perle europäischer Lyrik verspricht.

In der Tat steht dieses "Buch vom Freund und dem Geliebten“ aus dem 13. Jahrhundert als früher Gipfelpunkt europäischer Mystik in unserem kulturellen Gedächtnis, ferner Wegbereiter auch der glänzenden asketischen Literatur einer Teresa von Ávila oder eines Fray Luis de León im 16. Jahrhundert. Es ist eine Sammlung einfühlsamer Aphorismen – 366 an der Zahl – , angesiedelt zwischen dem Hohen Lied und der Spruchdichtung der mohammedanischen Sufis. Diese Strophen besingen das Sehnen des Menschen nach Vereinigung mit seinem Gott, zeugen vom schmerzlich-beglückenden Doppelcharakter dieses Verlangens, von jener brennenden Sehnsucht mithin, die das Leben gleichermaßen ernährt wie verzehrt.  

An jenem Frühlingstag im Winter klang besonders der nachstehende Aphorismus jener offenen Zwiesprache zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf noch lange in Figaro nach:

 

                             

    Der Vogel sang auf einem Zweig

mit Blättern und Blüten,

und der Wind wiegte die Blätter

und brachte den Duft der Blüten.

Der Freund fragte den Vogel,

was die Bewegung der Blätter

und der Duft der Blüten bedeuten.

Er antwortete: "Die Blätter bedeuten

in ihren Bewegungen Gehorsam

und der Duft Leid und Ungemach."

                                                                                                    - Gedicht 58 -           

 

Als Figaro Stunden später immer noch gedankenverloren den Berg wieder hinabfuhr, fielen ihm die vorlauten Stimmen jener ins Rampenlicht drängender Zeitgenossen ein, die sich im unseligen Sprachenstreit auf der Insel mit der wohlfeilen Ansicht zu Wort melden, das Katalanische sei doch nur ein dialektaler Ableger der Kultursprache Spanisch. „Da sei doch der Mallorquiner Ramón Llull vor!“  Doch anstatt sich ungehalten über so viel Ignoranz zu ärgern, zog Figaro es vor, still vor sich hin zu lächeln ...

  

  Und laß als Pfand

  Und laß als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer

 

und vierzehn weitere Erzählungen aus dem Katalanischen

 

Ausgewählt und aus dem Katalanischen übertragen von Angelika Maas

 

       Frankfurt/M: Vervuert 1988

Ein wenig verwundert hatte er den Band in der Badetasche der Familie gefunden. Aber hier in der Bucht von Canyamel im Schatten der Tamarisken kam er ihm sehr zu pass. Der Hardcover-Einband widerstand der leichten Brise ungleich besser als die Tageszeitung. Und für einen dicken Wälzer war die Umgebung viel zu spannend. Diese Sammlung von kurzen Geschichten indes fügte sich hervorragend in den Rhythmus der kleinen Unterbrechungen am Strand, der willkommenen wie der ungebetenen gleichermaßen.

Geradezu ein ideales Ambiente für eine abwechslungsreiche, unterhaltsame Lektüre über Liebe und Meer, Einsamkeit und Tod ein bunter Bilderbogen vertrauter Erfahrungen halt, in freilich ungewöhnlichen Situationen des Lebens: ein Tier als Substitut menschlicher Nähe in der Einöde einer heruntergewirtschafteten Region (Das Huhn von Mercè Rodoreda); nordisch lange Frauenbeine im Zugabteil als rotes Tuch für mediterranes Männerblut (Die Lachsdame von Quim Monzò); das Meer als Leichentuch einer uneinlösbaren Liebe (Und lass als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer von Carme Riera) ... 

Und laß als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer ... Diese ungemein appellative Apostrophe gibt dieser Sammlung katalanischer Kurzgeschichten 15 an der Zahl  auch insgesamt ihren Titel. Sie umspannen den Zeitraum vom Ende des Bürgerkriegs bis zum Beginn der Demokratie und entstammen der Feder von 11 Erzählerinnen und Erzählern aus drei unterschiedlichen Generationen: die "Generation der Republik" ist hier mit LLorenç Villalonga (1897 - 1980) und Mercè Rodoreda (1909 - 1983), Pere Calders (1912 - 1994 ) und Salvador Espriu (1913-1985) vertreten, die "der 50er Jahre", die den Bürgerkrieg in ihrer Jugend oder als Kind  erlebten, mit Maria Aurèlia Capmany (1918 - 1991), Manuel de Pedrolo (1918 - 1990), Joan Perucho (1920 - 2003) sowie mit Miquel Àngel Riera (1930 - 1996) und Baltasar Porcel (1937 - 2009), während für die "Generation der 70er Jahre", der letzten inzwischen bereits akzeptierten Gruppe, Carme Riera (1948) und Quim Monzò (1952) stehen.

Ein erstaunlich guter Fächer über drei Generationen der katalanischen Gegenwartsliteratur. Denn viele der hier Ausgewählten, die zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Anthologie dem deutschen Leser noch unzugänglich waren, haben inzwischen auch im deutschsprachigen Raum eine breite Präsenz erworben.

Anthologien wie dieser im Vervuert Verlag erschienenen sei Dank!  Dieser 1988 aus Anlass der 1000 Jahre zuvor erstmals errungenen staatlichen Unabhängigkeit Kataloniens herausgebrachte Band war auch als Ermutigung gedacht, als Weckruf nicht zuletzt an die Nordeuropäer, die kulturelle Erneuerung Kataloniens endlich zur Kenntnis zu nehmen. Es sollte noch weitere zwei Jahrzehnte dauern, bis er Figaro unter Tamarisken am Strand von Canyamel erreichte. Aber dort hat er ihn vernommen.

Der englische Sommer

    - Der englische Sommer -

 

    Carme Riera

 

     Roman aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt

 

          Berlin: List Taschenbuch 2009

Bei Hugendubel am Münchener Stachus war er ihm in die Hand gefallen, auf der Rückfahrt im ICE hatte er ihn in einem Zug gelesen, den neuen Roman der 1948 in Palma geborenen, seit 1965 in Barcelona lebenden Autorin und Literaturdozentin Carme Riera. Offenbar ist die katalanischsprachige Literatur inzwischen  auch in Deutschland in gut sortierten Buchläden präsent. Figaro fühlt sich mithin in seinem Anliegen, für diese in Europa oft verkannte literarische Provinz zu werben, einmal mehr bestätigt. Ist sie doch für Europas Kulturlandschaft durchaus eine Bereicherung. Der kurze, 2007 zur Buchmesse in Frankfurt zunächst in Hardcover bei Ullstein erschienene und seit 2009 auch als List Taschenbuch vorliegende Roman Der englische Sommer aus dem Jahre 2006 – L'estiu del l'anglès jedenfalls erfüllt die Erwartung an lesenswerte Unterhaltung in jeder Hinsicht: eine spannende Lektüre für wenige Stunden, virtuos erzählt, in klarer und differenzierter Sprache, voll hintergründiger Ironie.

Dabei ist der Plot denkbar einfach: Die neunundvierzigjährige Immobilienmaklerin aus Barcelona ist über Nacht wild entschlossen, ihre Karriere-, wo nicht ihre Lebenschancen während ihres Urlaubs durch einen Sprachkurs in England durchschlagend zu verbessern. Im Internet bucht sie kurzerhand das scheinbar ganz ideal auf ihre Lebenssituation zugeschnittene Angebot: Einzelunterricht in abgelegenem englischen Landhaus bei einer passionierten Lehrerin im Ruhestand. Dass aus der Idylle dann im Alltag rasch ein Albtraum wird, ist dem naiven Wunschdenken wie der Unvereinbarkeit der beiden Charaktere gleichermaßen geschuldet. Und die Situation gerät unaufhaltsam außer Kontrolle, sobald unter dem Druck der latent immer möglichen sadomasochistischen Lehrer-Schüler-Relation die Fassade des Trivial-Alltäglichen die verdrängten Minderwertigkeitskomplexe der beiden Frauen, die glauben, dass Männer bereits "ihre Vergangenheit" seien, mit Macht freigibt. Jeder Versuch dieser neuroseträchtigen Lage zu entkommen, beschleunigt nur die Katastrophe.

Figaro ist  diese Logik des Absurden durchaus vertraut. Bei Ionesco – nicht nur in La Leçon (Die Unterrichtsstunde) – ist sie ihm oft begegnet. Aber anders als die Dramatiker des Absurden nutzt Carme Riera die paroxystische Dynamik der Selbstzerstörung nur vermittelt, gleichsam in der reflektierenden Rückschau. Noch auf dem Krankenlager, aber schon unter Anklage sucht die Ich-Erzählerin – gleichsam in einem Aussageprotokoll für ihren Anwalt – das Unbegreifliche in der Rückschau zu erklären. Dieser Erklärungsversuch des eigentlich Unerklärlichen – das Niederstechen einer als Bedrohung empfundenen Lehrerin im Affekt – durch ein Netz von subtilen Vorausdeutungen macht wie im Psychothriller das Anschwellen des Angstpegels in der Protagonistin nachvollziehbar. Gezielt konterkariert wird dieses Erschauern freilich durch die Distanz schaffenden Abweichungen der Erzählerin, in denen diese über ihre eigene kollektive Befindlichkeit als Katalanin – gegenüber dem vermeintlichen Kulturimperialismus der Engländer etwa, jene "Einwohner des perfiden Albion", die gegen Südländer "immer noch Animositäten" hegen – sinniert, so als suche sie, die sich ansonsten durchgängig als Opfer sieht,  unterschwellig doch nach mildernden Umständen für eine Tat, die sie als Täterin sich letztlich doch nicht zu erklären vermag – allen Schuldzuweisungen an das zur Pathologin stilisierte Opfer zum Trotz.

"Manchmal", so endet der Roman, "packt mich Reue, vor allem, wenn ich mich selber sehe, die Schere in der Hand, und mich dabei beobachte, wie ich sie der Grose in den Leib stoße, ein, zwei, drei... dreizehn Mal." Ein überraschender Schlusssatz eines als Selbstplädoyer angelegten Berichts, der in dieser tabulos naiven Direktheit der Aussage Figaro entfernt an den so genannten tremendismo eines Camilo José Cela erinnert. Mit dieser Technik konnte einst der spätere Nobelpreisträger seinen Protagonisten Pascual Duarte sich zugleich selbstbezichtigen lassen und die Gesellschaft stillschweigend mit auf die Anklagebank setzen. Hier nun öffnet die Schlusspointe über dem Spannungsbogen des linear erinnerten Ablaufs der Ereignisse den Blick auf die Abgründe unserer gesellschaftlich konditionierten Natur.

In Figaros Augen gewiss eine meisterhafte Erzählerin. Die Virtuosität ist geradezu ihr Markenzeichen: erkennbar bereits in ihrer ersten 1988 auf Deutsch erschienenen Erzählung Und lass als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer (Te deix, amor, la mar com a penyura 1975), wenige Seiten nur, die der gleichnamigen, bei Vervuert erschienenen Anthologie katalanischer Erzähler ihren Titel verleihen und die ihren späteren Erfolg begründen, oder ausgepägter schon in der 1993 als Fischer Taschenbuch erschienenen Novelle Selbstsüchtige Liebe (Cuestión de amor propio 1988). Auffällig auch deren strukturelle Analogie mit dem hier in Rede stehenden Roman. Wie im Englischen Sommer so suchen auch dort  Ich-Erzählerinnen in Form eines Briefes nach Erklärungen ihres Scheiterns, ihrer frustrierten Erwartungen. Obsessive Monologe allemal, geschrieben gleichsam vor dem Gitter eines säkularisierten Beichtstuhls. Es sind freilich hoffnungslose Plädoyers, hat doch die jeweilige Gesellschaft ihr Anliegen immer schon verworfen: das Lebensrecht der lesbischen Liebe in Zeiten des Franquismus, die Selbstachtung der Frau in der heterosexuellen Partnerschaft in Zeiten der karrieresüchtigen Transición oder das nicht zuletzt am eigenen Geschlecht scheiternde Autonomiestreben der Frau auch in unseren ach so permissiven Zeiten. Und das pointierte Ende dieser Erzählungen bestürzt dann umso mehr, als es die Schuldfrage nach Beichte und Plädoyer noch einmal neu und direkt an uns alle zurückgibt.

        Tiepolo

    - Tiepolo und die Unsichtbare Stadt -

   

    Emili Rosales

 

      Historischer Roman

 

          Ungekürzte Taschenbuchausgabe München, Zürich: Serie Piper 2008 (5290)

 

Was hat das namenlose Fischerdorf La Ràpita im Ebrodelta, das Carlos III im Zuge seiner Reformpolitik als Sant Carles einen Moment lang zum Sankt Petersburg des Mittelmeers machen wollte und dessen Ruinen Franco auf einer Propagandatour in den 60-er Jahren nicht einmal mehr eine Erinnerung wert sind, mit der Identität der Katalanen im 21. Jahrhundert zu tun? Eine ganze Menge, wenn wir den 2005 erschienenen und sogleich mit dem Sant Jordi Preis prämierten Erfolgsroman La Ciutat Invisible von Emili Rosales aufmerksam lesen.  

Was hier wie ein historischer Abenteuerroman und zeitgenössischer Krimi in eins daherkommt, wird in der Tiefe zusammengehalten durch jenen knorrigen Mythos der Fremdbestimmung, nach dem die Katalanen sich als Daueropfer willkürlicher Despoten aus Madrid empfinden, der ihnen jede Chance auf kreative Selbstentfaltung verwehre.

Ohne Eigenständigkeit aber kein Heil. Unsere beiden Helden – ihre Namen wirken wie Projektionen ihres 1968 in eben diesem Fischerdorf geborenen Autors Emili Rosales – nämlich Adrea Roselli, der visionäre Bauherr aus Arezzo in Diensten von Carlos III und Emili Rosell, der frustrierte Galerist aus dem Barcelona unserer Tage, müssen diese Lektion unter Schmerzen lernen, bevor sie sich selbst und ihr Glück finden. Denn erst ihr Scheitern weist ihnen den Weg zu einem Leben in Freiheit.

Ohne diesen mythischen Horizont macht die Zusammenschau zweier, 250 Jahre voneinander getrennter Lebenskurven in einem Roman wenig Sinn, in diesem Lichte aber wird die Verschmelzung dieser beiden  Autobiographien zu einem fesselnden literarischen Abenteuer. Erzählerisch aufgezogen wird es geradezu virtuos. Denn die beiden Memoiren treten dem Leser naturgemäß nicht nacheinander vor den Blick, sondern in genau kalkuliertem Wechsel von Kapitel zu Kapitel. Die Spannung des Romans steigt in dem Maße, wie das Verschmelzen der beiden zeitlich unverbundenen Handlungsstränge dem gleichsam kriminalistischen Spürsinn sich erschließt und die Gegenwart durch die Vergangenheit so situiert erscheint. Das Mittel ist wie so oft im Roman der Fund eines Manuskripts.

Hier sind es die italienisch geschriebenen Memoiren von Andrea Roselli, die unserem Protagonisten Emili Rosell mit dem apokryphen Titel La Ciutat Invisible unter mysteriösen Umständen zugespielt werden. Und in dem Maße, wie er dieses Manuskript übersetzt, durchschaut er nicht nur die dramatische Suche seiner Bekannten nach einem angeblich verschollenen, sündhaft teueren Tiepolo, sondern findet auch den Ariadnefaden aus dem Labyrinth seines eigenen fremdbestimmten Lebens, aus den Lügen und Verdrängungen seiner Kindheit.

Und weil der Autor Geschichte nicht als unausweichliches Schicksal, sondern als Entscheidungsfolie für die Zukunft sieht, sucht auch unser Galerist nicht die Wurzeln seiner leiblichen Herkunft in der Francozeit, sondern stellt sich stattdessen dezidiert in die ideelle Nachfolge jenes italienischen Baumeisters, dessen Vision von Sant Carles de la Ràpita er durch eigene Anstrengung gerade erst wieder neu zur Ansicht gebracht hatte. "Meine Familie" so sein letzter Eintrag "in der Nacht, auf dem Weg zum Licht." Ein Schlusssatz, der sich für seine katalanischen Zeitgenossen zumal wie das Versprechen einer kollektiven Leuchtspur liest.  

Tiepolo und die unsichtbare Stadt – der Titel der deutschen Ausgabe, die in der Übersetzung von Kirsten Brandt seit 2008 auch als Taschenbuch in der Serie Piper vorliegt, erweist sich als glücklicher Fund. Schließlich besetzt Tiepolo in diesem „historischen“ Roman narrativ wie diskursiv eine Scharnierfunktion: Spornt die Hoffnung auf einen verschollenen Tiepolo die Gier der Zeitgenossen an, weckt die Erinnerung an das Genie dieses barocken Malers des Settecento, der selbst zeitweise in Karls Diensten stand, die Sehnsucht nach Freiheit. Emili Rosales bietet mit diesem Roman spannende Unterhaltung. Weniger anspruchsvolle Literatur als journalistische Pointierung, gewiss, aber eine, die für die Dauer der Lektüre Figaro ungleich tiefere Einblicke in katalanische Mentalitäten erlaubt als ein Jahresabonnement der spanischen Tagespresse.  

        Das

   - Das Mittelmeer -

 

      Eine stürmische Reise durch Zeiten und Kulturen

 

     Baltasar Porcel 

 

     Berlin: Transit 2009

Katerstimmung liegt in diesen Tagen der weltweiten Banken- und Wirtschaftskrise über Europa, vor allem der Süden scheint von tiefen Depressionen geschüttelt. Die alten, im Zuge des nicht enden wollenden Booms der letzten Jahrzehnte überwunden geglaubten Ängste in der Moderne, die von der eigenen Rückständig- und Bedeutungslosigkeit zumal, stehen dort erneut im Raum.

Da mag die Mediterrània des mallorquinischen Autors Baltasar Porcel wie ein heilsames Therapieangebot erscheinen. Denn diese, eigenem Urteil nach „kapriziöse, historisierende Reise“ (S. 296) durch die Zeiten und Kulturen des Mittelmeers nährt den Traum von der Wiedergeburt dieses Kulturraumes zu alter Größe, vom Mittelmeer als neuerlichem Zentrum der Zivilisation mit Barcelona als möglichem Kraftzentrum einer neuen lebenswerten Ordnung jenseits der Verwerfungen einer im Norden entfesselten lebensfeindlichen Moderne.

Dieses zuerst 1996 erschienene Buch ist nun, seit 2009, unter dem Titel Das Mittelmeer. Eine stürmische Reise durch Zeiten und Kulturen in der schönen Übersetzung von Kirsten Brandt endlich auch dem deutschsprachigen Leser im Transit Verlag zugänglich: Eine spannende Lektüre, schwungvoll, stellenweise anrührend und mitreißend geschrieben. Und was sich auf den ersten Blick wie ein frühes Bewerbungsschreiben für den Vorsitz der von der EU projektierten Union für das Mittelmeer ausnimmt, wird für den geduldigen Leser zu einer aufschlussreichen  Begegnung mit den kulturellen Mythen dieses Raumes, die tief in die kollektiven Befindlichkeiten seiner Menschen hinabreichen.

Ziel dieser kulturellen Spurensuche, die im Osten in vorhellenischer Zeit einsetzt, bis sie im Westen bei den Migrationsbewegungen unserer Tage anlandet, ist ein vertieftes Bild vom Mittelmeer als „gemeinsamem ethnischen und kulturellen Nährboden“ (S. 196). Eine kühne, eine optimistische Vision angesichts des oft lebensbedrohlichen Zusammenpralls der religiösen und ethnischen Besonderheiten, eine Vision, in deren Licht das verwirrende Ringen um die Vormacht an beiden Ufern des mare nostrum wie unzeitgemäße, bedauerlicherweise nicht als solche erkannte Bruderkriege erscheinen.

„Mediterran“ ist das Losungswort dieser Suche. Es steht idealiter für eine besondere Form des In-Der-Welt-Seins, eine Kulturform, die die Landschaft wie das Essen, das Dasein wie das Denken gleichermaßen umschließt. Im Horizont der Entfremdungszwänge der Moderne, wie sie der Norden unablässig generiert, wird das Mittelmeer hier zum Erfahrungs- und Fluchtraum der Sehnsüchte seines Autors: nach Sinnlichkeit und Kreativität, nach Licht und Wärme, nach Schönheit und Leben.

Universale Sehnsüchte bei Licht besehen, in denen Figaro mit seiner Dauersehnsucht nach dem Süden sich unschwer wieder findet. Will ihm doch scheinen, als träume der Mallorquiner ironischerweise hier ein Stück weit jenen Traum individueller Selbstverwirklichung weiter, dem das Unbehagen an den Zwängen des zweckrationalen Denkens, an der zuweilen menschenverachtenden Dynamik des wissenschaftlich ökonomischen Fortschritts gerade in den Zentren des Nordens früh schon und immer neu Form verliehen hatte - seit Winckelmanns Traum von der „edlen Einfalt, stillen Größe“ der Griechen im einstigen  Hellas und in der Folge über die Romantik bis zu den Völkern des Südens, jenen „peuples du Midi“ eines Camus. Porcel indes, der die Mission seiner Insel als Begegnungsraum zwischen den beiden Ufern des Mittelmeers versteht und namentlich in den Berbern seine Brüder erkennt, träumt diesen Traum freilich weiter, bis er – und das ist beachtlich genug – die Völker des Islam und das Judentum mit umspannt.

Figaro fühlte sich, als er  dieses anregende Buch 416 Seiten später endlich wieder aus der Hand legte, reich beschenkt, wenngleich ein wenig erschöpft, der unvermeidlichen Mühen nach einem solchen par force Ritt durch Zeiten und Kulturen wegen nicht allein. Ein solch bedingungsloses Werben für das Mediterrane hatte ihn nachdenklich gemacht, zumal es sein Kampfprofil implizit auch einer undifferenzierten Ablehnung der Moderne verdankt. Ein Buch, geschrieben gleichsam mit dem Rücken zum Norden, äußerst lesenswert, gewiss, aber auch blind für die Möglichkeiten zum lebensnotwendigen Dialog mit der Welt. Sonst könnte der zerbrechliche Zauber des hier beschworenen Mediterranen, den das wundervolle Schlussbild des Buches noch einmal mit Nachdruck vor unseren Sinnen erstehen lässt, leicht auf Dauer verschwinden:

„Gerade eben hat mir ein wortkarger Fischer zwei Wolfsbarsche gebracht. Ich brate sie mir mit Salz und Öl über dem lodernden Kaminfeuer. Aus dem noch winterkalten Garten hole ich mir den ersten Mangold und ganz zarte Zwiebeln. Dazu mache ich mir eine Flasche kühlen Weißweins auf. Ich habe knuspriges Brot. In diesem Augenblick bin ich dem Glück sehr nahe. Ja, ich bin Teil dessen, was ist und sein wird: unseres Mittelmeers.“

  Solitud

   - Solitud -

  

      Eine Liebesgeschichte aus Katalonien

 

     Víctor Català

 

         München: Piper 2009

Wer als Tourist den Süden Europas mit einem Gefühl der Leichtigkeit des Lebens assoziiert, kann in der katalanischsprachigen Literatur hinter der Idylle der Landschaft eine unvermutete Härte des Alltags entdecken, die die Menschen in den Metropolen des Nordens gleichermaßen befremdet wie fasziniert. Der Roman Solitud – „Einsamkeit“ – verspricht ein solches Erlebnis befremdlicher Selbsterfahrung.

Es ist eine ereignisarme, gleichwohl spannungsreiche Geschichte unerfüllter Liebe. Angesiedelt ist sie in der schroffen Bergwelt Kataloniens, die das Leben einer jungen Frau aus dem Volke von Grund auf verändert. Als Mila, überredet von ihrem Ehemann Matías, in der Einsiedelei ankommt, will ihr scheinen, „die dämmrige Abendstille (bedecke) sie mit einem Leichentuch“ (S.27). Doch als sie sich nur ein Jahr später „mit hoch erhobenem Kopf“ und „allein“ an den Abstieg macht, um ihren Mann, einen Tunichtgut, für immer zu verlassen, haben sich zwar „die bitteren Kristalle der Einsamkeit auf ihrem Schicksal niedergeschlagen“ (S. 362), aber sie haben ihr auch Mut zur Eigenverantwortung verliehen.

Es ist ein dramatischer, ein schmerzhafter Prozess der Selbstfindung, der angestoßen wird durch die Begegnung mit dem Schäfer Gaietà, in dem sie einen wahren Freund findet, vorangetrieben durch die frustrierende Gleichgültigkeit von Matías und zum Ausbruch gebracht durch den Wilderer Ànima, der ihr Gewalt antut.  

Der Katalanin Catarina Albert i Paradís ist mit ihrem 1905 unter dem männlichen Pseudonym Víctor Català veröffentlichten Roman ein Werk gelungen, das die katalanische Literatur im Gleichklang mit anderen Literaturen in Europa ausweist. Die Einsamkeit als Thema der ungestillten Sehnsucht der jungen Frau im Kerker der Ehe hatte der realistische naturalistische Roman bereits in Mode gebracht. Und in diesem Horizont mag Mila wie eine entfernte Schwester der Emma Bovary, der Ana de Ozores oder auch der  Effie Briest  wirken. Aber anders als jene Pathologien aus der bürgerlichen Behaglichkeit der Städte entsteht hier in der Unwirtlichkeit des bäuerlichen Lebens am Rande der Zivilisation das überzeugende Portrait einer jungen Frau, die sich still und selbstbewusst aus ihrer unbefriedigenden Ehe befreit – und das lange vor Federico García Lorca oder D.H. Lawrence.

Für die Freunde des psychologischen Romans ein Genuss, ein Muss für die Spurensucher feministischer Literatur. Immerhin schreiben wir das Jahr 1905 in Europa, und das im ländlichen Spanien! Figaro hat es diese Welt noch aus einem ganz anderen Grund angetan: hier begegnen ihm Menschen wie der Schäfer Gaietà, die ihre Zeit nicht mit Jammern oder Klagen verbringen. Menschen, die stark genug sind, das Leben so zu nehmen, wie es kommt, und sich dabei auch noch um andere zu sorgen. Menschen, die wie Mila auch, die Fähigkeit besitzen, pflanzengleich sich dem Rhythmus ihrer Umgebung anzupassen. Doch lesen Sie selbst den Beginn des siebten mit „Frühling“ überschriebenen Kapitels:

„Die ersten Maitage waren wundervoll: Das ganze Gebirge, voller Blütenduft, gleißend hell und erfüllt von Vogelgesang, schien von seiner furchterregenden tausendjährigen Greisenhaftigkeit befreit und zur verheißungsvollen Freude seiner Jugend zurückzukehren. Jeden Morgen beim Aufstehen entdeckte Mila neue Schönheit, die sie tags zuvor noch nicht wahrgenommen hatte; aber sie entdeckte noch etwas anderes: Auch sie selbst schien schöner und jünger zu werden. In ihrem klaren, hellen, doch immer ein wenig schwermütigen Augen erschien ein fröhliches Blitzen, das Rot ihrer Lippen leuchtete mit nie gekannter Intensität, ihre Brüste reckten sich prall wie die einer jungen Mutter, und sie bewegte sich mit anmutiger Leichtigkeit. Diese äußeren Veränderungen gingen mit überschwänglichen Gefühlen und einer gesteigerten Empfindsamkeit einher, die sie selbst verwirrten, weil sie meinte, sich fortwährend zu vervielfältigen und zu einer immer neuen Frau zu werden.“

Dieser osmotischen Einheit der Menschen mit der Landschaft begegnet Figaro oft auf seinen Streifzügen durch die Felder der katalanischsprachigen Literatur, in den Werken von María Barbal oder Mercè Rodoreda, von Jaume Cabrè oder Carmen Riera, von Baltasar Porcel und … manchmal auch beim Bummeln durch die Gässchen von Artà.     

   Mallorca Mord

   - Mallorca Mord inbegriffen -

   

     Maria Antònia Oliver

 

Dieser Autorin würde Figaro gerne einmal im Interview gegenübersitzen. Denn die Lektüre ihrer Kriminalromane hat seine Neugier geweckt. Genauer gesagt: die Figur der Detektivin Lònia, aus deren Perspektive die Fälle erzählt werden. Hier drei im Fischer bzw. im Eichborn Verlag in deutscher Übersetzung erschienenen Krimis Drei Männer (1985/dt. 1991), Miese Kerle (1988/dt.1992) und Mallorca Mord inbegriffen (1994/dt.1996).

Welch erfrischende Erscheinung in all ihrer Unzulänglichkeit. Tabulos, impulsiv und unerschrocken löst die feministisch angehauchte Lònia mit Hilfe ihres schwulen Assistenten Quim ihre Fälle ohne Rücksicht auf Verluste und steht am Ende doch düpiert, fast mit leeren Händen da, weil ihre Klientinnen, denen sie Genugtuung verschafft, sich der für sie erbrachten Anstrengungen kaum würdig erweisen: weder die reife Frau, der sie den Weg zur Rache an ihren Vergewaltigern eröffnet, noch die naive Großerbin, die aus ihrem Martyrium in den Fangnetzen internationalen Frauenhandels nichts gelernt hat, und auch nicht die gewiefte Wahrsagerin, von der sie sich, ohne es zu ahnen, auf die Zerschlagung eines Kartells zur Kinderpornografie hat ansetzen lassen. Sie wird mit den gefährlichsten Männern fertig und zahlt dabei menschlich doch drauf, nicht zuletzt mit der Einsicht in die Abgründe der menschlichen Natur.

Ihre Fälle besitzen die Dynamik einer Lawine: Was wie ein Allerweltsfall mit einer Vermisstenanzeige beginnt, entpuppt sich unversehens als das Drehen eines viel zu großen Rades im organisierten Verbrechen, mit Mallorca als internationaler Drehscheibe. Und Lònia ohne nachzudenken mittendrin, die Hosen oft gestrichen voll, aber unverzagt. Helden sehen anders aus: Sie strahlt nicht die Souveränität ihrer männlichen Vorgänger aus. Von Sherlock Holmes über Maigret bis Pepe Carvalho keine Spur; aber Lònia gewinnt durch ihre burschikose Unverzagtheit. Ihre Art der Selbstzurücknahme verleiht ihr einen Zug quijotesker Überlegenheit: so gewinnt sie, ob sie gleich scheitert zumindest unsere Sympathie.

Und wo sich mit jedem neuen Fall die Konturen jedes Einzelnen verwischen, gewinnt Lònia, die sich wie einst die Lozana andaluza mit Francisco Delicado ihre Schriftstellerin in Gestalt der Mallorquinerin Maria Antonia Oliver zur Verkündung ihres Rufes selbst ausgesucht hat, immer deutlicher als Kind der Insel an Profil. Ablesbar am Stolz auf ihren mallorquinischen Akzent, am Misstrauen gegenüber dem Fremden und an der Ungeduld gegenüber den Verkarstungen der heimischen machistischen Gesellschaft.

Was gäbe Figaro nicht darum, mit Maria Antonia über Lònia ins Gespräch zu kommen!

 

      

 

 

          Der Figaro des Nordens