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Literatur
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Figaros Leseecke
*** Figaros
Leseecke
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Begegnungen mit der
katalanisch(sprachig)en Literatur
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Die Literatur hat es Figaro
schon immer angetan. Ihrer Faszination hat er sich ein Leben lang
überlassen. Erst wurde sie bestimmend für die Wahl seiner Studienfächer,
in der Folge auch für seinen Beruf. Hatte er doch wegen Camus und Sartre
einst das Englische aufgegeben, wegen Diderot und Voltaire die
Sprachwissenschaft. Heute, nach Jahrzehnten des Umgangs mit Literatur von
Berufs wegen, weiß er, dass es keinen sichereren Zugang zu Land und
Leuten, zur Kultur eines Landes gibt. Wo auch könnte Sprache freier,
intimer sein als im imaginären Raum der Literatur? Im Worthülsenhandel der
Politiker, Ökonomen oder Experten etwa oder in der Alltagsrede – so
gestalt- und willenlos wie sie dort daherkommt? Erst in der Literatur
findet auch das Alltägliche, Flüchtige und Verborgene Anschauung und
Dauer. Zumindest für den, der sich Zeit nehmen kann. Für den wird
Literatur geradezu zum Wundermittel der Entschleunigung in der Hektik
unseres Lebens. Für Figaro war "das gute Buch" daher schon immer ein
Partner und Freund besonderer Art: stets zur Hand, wenn man ihn wirklich
braucht. |
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Und gegenwärtig scheint es ihm wieder so weit.
Die Literatur soll Figaro einmal mehr helfen, einen Ausgang aus dem
Labyrinth seines Alltags auf der Insel zu finden, in die ihn der
Sprachenstreit tiefer, als er zugeben mag, gestürzt hat. Wie sehr hatte
sich der Nordländer über sein neues Leben in Artà gefreut! Soll er nun als
Freund des Spanischen sprachlos werden, sich gar als Paria für die Kultur
der Insel empfinden, ungleich gefährlicher als all die, die als Zugereiste
ungerührt ihre Muttersprache beibehalten? Oder doch für den Hausgebrauch –
wenn auch nicht im Vorbeigehen – katalanisch lernen, wo ihm doch auf
Spanisch leicht und lustvoll über die Lippen kommt, was auf Katalanisch
auf lange Zeit hin nur als mühseliges Stottern vernehmbar wäre? Lässt sich
ein freier Mensch ohne Not auf einen solchen Tausch ein? Schwerlich! |
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In einem solch existentiellen Dilemma setzt Figaro
auf die Literatur, vertraut er auf ihre Kraft zum Königsweg. Warum sollten
katalanische Autorinnen und Autoren nicht schaffen, was alle Praktiken der
Diskriminierung nie vermöchten: die Liebe zur Sprache über Werke wecken,
auch wenn er diese – faute de mieux – zunächst nur in Übersetzungen auf
sich wirken lassen kann. Weiß er doch aus Erfahrung, dass die Erzählungen
und Romane der Janer Manila oder Mercè Rodoreda, der Antònia Oliver oder
Josep Pla auf Dauer verlässlichere Botschafter sind als alle
Parteitagsbeschlüsse und Verwaltungsrichtlinien der Welt. Und wenn es denn
am Ende – der fortgeschrittenen Jahre wegen – zu einem fließenden
Katalanisch nicht mehr reicht, so bleibt doch die Entdeckung eines
zauberhaften Gartens europäischer Literatur, an dem er beinahe achtlos
vorbeigegangen wäre. |
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Figaro jedenfalls hat seine Wahl getroffen. Freudig
wird er sich auf diese neuerliche Entdeckungsreise begeben, sich auf seine
ganz persönlichen Begegnungen mit der katalanischen Literatur einlassen.
Wer mag, kann ihm hier dabei über die Schulter schauen
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In einem Gelände, dem die Flut der Bücher unablässig ein neues
Profil zu geben scheint, ist die Literaturkritik naturgemäß immer
ein wichtiger Wegweiser. Der Anspruch auf das eigene Urteil
jedenfalls entpuppt sich da nur allzu leicht als Mangel an
Belesenheit.
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Figaro, Novize im Umgang mit katalanischer Literatur, konnte diese
Erfahrung erst jüngst wieder machen. Wie hatte er sich gefreut,
Maria Barbals Erfolgsroman Pedra de tartera (1985) endlich
als Taschenbuch
preiswert auch auf Deutsch – Wie ein Stein im Geröll –
erwerben zu können. Denn Romane wie Auf der Plaça del Diamant
von Mercè Rodoreda oder von
Llorenç Villalonga Das Puppenkabinett des Senyor Bearn hatten
ihn auf die Spur dieser Erfolgsautorin gebracht, die 1949 in
einem Dorf in den Pyrenäen geboren wurde und aus Überzeugung von
allem Anfang an katalanisch geschrieben hat. Dass er indes mit
seiner „Entdeckung“ nicht allein stand, machte ihm gnadenlos ein
Aufkleber mitten auf dem Coverfoto bewusst, der, einem
Trichinenstempel im Schlachthof gleich, seine Ware als unbedenklich,
wo nicht gar als bekömmlich auswies: „Empfohlen von Elke Heidenreich
in Lesen!“ Was für eine Botschaft! |
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Auch
auf Figaro verfehlte sie ihre Wirkung nicht. Länger als es sonst seine Art
ist, hat er sich zunächst einmal über die vielen Empfehlungen gebeugt, ein
wenig gar im Internet recherchiert. Eine wahre Jubelarie, und so unisono!
Sollten etwa auch Literaturkritiker voneinander
... wissen? Figaro verwarf
diesen
frivolen Gedanken rasch
wieder. Dennoch hing er noch eine
Weile dem
Tenor der Urteile nach
... Das Bäuerliche und Einfache, eine Haltung des
Klaglosen-Auf-Sich-Nehmens wurde da hervorgehoben, ein entbehrungsreiches
Leben, das mit einem Mal so viel authentischer schien als die künstlichen
Glamourwelten des angeblichen Fortschritts im Norden. Geradeso als
präsentiere sich die vergessene Welt Kataloniens mit dieser leisen Stimme
als das Andere einer kränkelnden, an sich selbst zweifelnden Moderne. |
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Figaro beschlich angesichts dieser Welle von Begeisterung das dumpfe
Gefühl eines Déjà-vu. Hatten nicht einst die deutschen Romantiker das
ferne Spanien als „schöne Wüste“ entdeckt, als Traumland ihrer
fortschrittsfeindlichen Phantasie gefeiert und lockt nicht die
Tourismusbranche bis heute mit dem Klischee eines „Spain is different“?
... Und nun also Katalonien? Ausgerechnet jenes eigentlich immer
schon Europa zugewandte Katalonien als das Andere, das uns Nordländern den
Spiegel des wirklich Wichtigen vorhält? |
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Müßige Zweifel allemal, die Figaro angesichts des marktschreierischen
Gewerbes der Kritik da bewegten. Waren sie doch wie weggeblasen, als er
den Roman endlich aufschlug und zu lesen begann: |
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"Man sah gleich, dass wir bei
uns daheim viele waren. Und eine schien man entbehren zu können." |
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Figaro hielt begeistert inne. Was für ein Anfang! Umwerfend! Andere
Romananfänge kamen ihm in den Sinn: „Die heldenhafte Stadt hielt
Mittagsruhe.
...“ in Die Präsidentin von
Clarín oder jenes „Viele Jahre später..."
der Hundert Jahre Einsamkeit von García Márquez. Auch diesmal war
der Grundton des gesamten Buches mit dem ersten Satz bereits
unverwechselbar angeschlagen – nüchtern, unsentimental, realistisch hier –
, das Grundmuster dieses Lebensweges implizit vorgezeichnet, erkennbar
bereits als ach so unspektakulärer „Spannungsbogen“ eines namenlosen
Menschen, mit dem die Zeitläufe umgehen wie die Natur mit einem „Stein im
Geröll“. |
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Aber doch zugleich auch wieder konkret genug, den Beginn dieses
Lebensweges in jenem Katalonien am Vorabend des Bürgerkrieges zu
situieren. Man braucht der Ich-Erzählerin nur zuzuhören: |
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"Ich war die fünfte von sechs
Geschwistern, und auf die Welt bin ich gekommen, wie die Mutter sagte,
weil Gott es so gewollt hat, und was Er einem gibt, muss man annehmen." |
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Wir wissen gleich, diese Welt
– kinderreich, katholisch, karg – ist nicht die unsere. Oder zumindest ist
sie es nicht mehr. Und doch glauben wir, sie zu kennen, bereit, uns gar
ein Stück weit mit ihr zu identifizieren. |
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"Maria, das war die Älteste, kümmerte sich schon mehr um den Haushalt als
die Mutter selbst, Josef, der Erstgeborene, würde einmal alles erben, und
Joan ging aufs Priesterseminar. Von uns drei anderen, den Kleinen, habe
ich oftmals sagen hören, wir würden mehr Arbeit als Freude machen. Rosige
Zeiten waren das nicht." |
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Großartig, wie diese gelassene Dramatik in der aufzählenden Vorstellung
der Familie von einem Gemeinplatz abgeschlossen wird, der jedes Pathos im
Keim erstickt. Auf Figaro wirkt diese sardonische Diskretion wie eine
unabweisliche Einladung, auf das fremde Leid genau hinzuschauen, sich
seiner eigenen Kindheit zu erinnern, sich gar zu solidarisieren mit den
Schicksalen einer Welt, die vergangen, die untergegangen ist – auch in
Katalonien. |
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Trauer müssen wir darum nicht empfinden. Wohl aber Dankbarkeit für dieses
überzeugende literarische Zeugnis einer Welt, die hoffentlich so bald
nicht mehr die unsere ist – nirgendwo auf der Welt. Zumindest wenn wir uns
die Zeit nehmen, der Protagonistin zuzuhören, jener bescheiden unbeugsamen
Conxa, die das Leben gelehrt hat, zu leiden, ohne zu klagen und dabei das
Leben dennoch dankbar anzunehmen. |
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Figaro jedenfalls fühlt sich eigenartig gestärkt, als er Stunden später
das Buch wieder aus der Hand legt.
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Den 2003 als Suhrkamp Taschenbuch auf Deutsch neu verlegten Titel
hatte Figaro im Internet bestellt und nicht, wie es seine Gewohnheit
ist, ihn zuvor in einer Buchhandlung erst einmal angelesen, so wie
ein Weinkenner den ihm angepriesenen Tropfen vor dem Kauf genüsslich
verkostet. Denn der Name des preisgekrönten Erfolgsautors war ihm
wegen dessen Absage zur Teilnahme an der Buchmesse in Frankfurt in
Erinnerung geblieben, die 2007 die Literatur Kataloniens zum
Schwerpunktthema gekürt hatte. „Illegal“ war Sergi Pàmies damals die
einseitige Fixierung auf das Katalanische erschienen,
diskriminierend auch für die spanisch schreibenden Schriftsteller
Kataloniens. In den Augen Figaros eine löbliche Geste gegen die
politische Instrumentalisierung der Literatur. Gibt es doch
angepasste Intellektuelle in unserer Expertenkultur satt und genug! |
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Als er das 1997 im Original erschienene Buch tags darauf in der Hand
hielt, erkannte er unschwer das ironische Spiel mit der
Titelerwartung. Denn Der große Roman über Barcelona war weder
groß noch ein Roman, und der Schauplatz Barcelona war ohne
Lokalkolorit kaum erkennbar, eher eine Metropole, die wir in der
globalisierten Gegenwart überall antreffen können, wie auch die
Handlungsmuster dieser Erzählungen mit ihren namenlosen
Zeitgenossen. |
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Ein witziges und doch
gnadenlos ernüchterndes Portrait unserer Tage entsteht so, ein offenes
Portrait zudem, das sich mit seinen zahllosen Fragmenten immer neu
fortschreibt. Und vorgestellt wird das alles mit der Virtuosität eines
Meisters der grotesken Komik, gleichsam eines Buster Keaton der Literatur
mit Tiefgang. |
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Eine
Anekdote nur zum Beleg. Sie ist der längsten der 15 Erzählungen des Bandes
entnommen und ihr Titel La gran novel, la de Barcelona hat auch der
ganzen Sammlung den Namen gegeben. Auf den ersten Blick könnte sich die
Geschichte, die sie skizziert, an vielen Orten der Welt zugetragen haben.
Doch lesen Sie selbst! |
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„Die junge Frau lernte ihren
Mann in der Nähe eines Kastells kennen, das auf der Spitze eines Berges
steht, und zwar genau an der Stelle, wo er später erschossen wurde.“ |
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Mit einer einfachen
Vorausdeutung umschließt dieser Eröffnungssatz Anfang und Ende des
Lebensglücks unserer namenlosen Heldin, nicht jedoch das Ende ihres
Leidens. |
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„Nachdem Jahre danach ein
langer Prozess bürokratischer Erniedrigung überstanden war, wurde ihr ein
Grab (die echten Gebeine lagen im Massengrab) in einer Ecke des Friedhofs
zuerkannt, nur wenige Meter vom Tatort entfernt.“ |
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Nach der widerrechtlichen
Erschießung folgt also der zermürbende, lebenslange Kampf um
Rehabilitierung des Ermordeten, ein Kampf, der bis heute ohne
befriedigendes Ergebnis bleiben sollte. |
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„Die junge Frau, die
inzwischen eine Greisin mit zwei Sparbüchern und Krampfadern ist, steigt
ab und zu hinauf, um sozusagen die Landschaft zu betrachten. Die drei
Schornsteine im Vordergrund. Dahinter nur Nebel. Alterskurzsichtigkeit
stellte der Arzt fest.“ |
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So
einfach kann das Unerklärliche sein: kreatürlicher Verfall als Erklärung
ihrer Leiden. Doch so viel weiße Salbe gegen Verbrechen und kollektives
Versagen reizt sie denn doch zum Widerspruch, diskret unterstützt von der
Erzählerstimme. |
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„Nicht nur das Alter, ich habe genug, widersprach sie. Genug davon, die
Haustür mit der von nebenan zu verwechseln, die Fünfpesetenstücke mit den
Fünfundzwanzigern. Genug davon, sich die Fotografie dicht vor die Nase
halten zu müssen, um den Mann zu erkennen, der sie vor langer Zeit ganz in
der Nähe des Ortes verführte, an dem jetzt der Sportpalast steht, der von
einem Japaner gestaltet wurde.“ |
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Diese ohnmächtige Geste des Protestes, die der Erzähler über den Moment
hinaus verlängert, beschließt unsere Anekdote. Eine Lebensgeschichte im
Zeitraffer und im Kern – Gott sei’s geklagt – eine Allerweltsgeschichte.
Und doch auch unverwechselbar angesiedelt im Barcelona der zurückliegenden
sieben Jahrzehnte. Ein Zeitraum also erlebter Zeitgeschichte für den
Katalanen und Spanier, der sich auskennt und der bereit ist, sich zu
erinnern: an die Erschießungskommandos am Kastell auf dem Montjuic zur
Zeit des Bürgerkrieges, an den Staatsterror der Franco-Diktatur, der
politisch Andersdenkende bis weit in die sechziger Jahre des 20.
Jahrhunderts verfolgen, ausrotten und in Massengräbern verscharren ließ,
Gräueltaten, die zu verdrängen das demokratische Spanien lange fest
entschlossen schien, berauscht vom Wirtschaftswunder und geblendet vom
Glanz internationaler Anerkennung wie zur Zeit der Olympischen Spiele.
Spanien – Katalonien zumal – war zurück im Kreis der führenden Nationen in
der Welt! Wer mochte da schon der ungezählten Opfer gedenken? Politik,
Presse und Massenmedien jedenfalls nicht! Bevor der Skandal der
Verdrängung dort in diesen Tagen endlich zum Thema wird, hatten Literaten
lange zuvor in einem breiten Strom literarischer Reflexion von den
„Identitätszeichen“ (!966) eines Juan Goytisolo bis zum „Langen
Marsch“ (1996) eines Rafael Chirbes wider den Stachel dieses politischen
Konsenses gelöckt. Kein schlechter Kontext zur Bewertung unserer Anekdote
in den Augen Figaros. Auch wenn die Stimme von Sergi Pàmies so
unverwechselbar anders klingt als die seiner Vorgänger. |
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In der Tat, wie grandios lakonisch der Ton, frei von Pathos und
Sentimentalität! Alles hier ist Diskrepanz: das raffende Erzählen steht
zum Unfassbaren des Erzählten – Erschießungen, Massengräber, Verdrängen –
in ebenso krassem Widerspruch wie die Reduktion des langen seelischen
Leidens auf wenige körperliche Leiden – Krampfadern und
Alterskurzsichtigkeit. Es ist die Kunst des Absurden. Bringt doch gerade
eine solche Karikatur des namenlosen individuellen Leidens allererst vor
den Blick, was im Horizont des rasanten Wandels einer Metropole nur allzu
leicht in Vergessenheit gerät. Macht der grotesken Komik halt, die
erheitert, bevor sie nachdenklich stimmt. |
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Figaro jedenfalls hat diese Anekdote auf die weiteren Erzählbände dieses
Nonkonformisten neugierig gemacht. Signalisieren doch Titel wie Du
solltest dich in Grund und Boden schämen (2001) oder Wie man in
eine Zitrone beißt, ohne das Gesicht zu verziehen (2008) jenen
grotesken Zuschnitt unserer Gegenwart, den er im Großen Roman über
Barcelona schätzen gelernt hat. |
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- Die Stimmen des Flusses - |
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Roman aus dem
Katalanischen von Kirsten Brandt |
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Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 2008 |
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667 Seiten und das einmal mehr über eine
Geschichte aus den Tagen des spanischen Bürgerkriegs und der
Diktatur? Figaro hob unwillkürlich die Augenbrauen – ars longa, vita
brevis… Doch die anfänglichen
Zweifel waren schnell verflogen. Nun, nach wenigen Monaten, hat
Figaro den zeitgeschichtlichen Roman dieses vielfach ausgezeichneten
Schriftstellers, Journalisten und Drehbuchautors aus freien Stücken
bereits ein zweites Mal gelesen. Und er fühlt sich reich belohnt. |
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Es ist in der Tat eine atemberaubende
Geschichte, die gleichwohl zum Nachdenken einlädt – über die
vielfältigen Verdrängungen und Verstellungen der Ermordung eines
Dorfschullehrers in den ersten Jahren der franquistischen Diktatur
in einem abgelegenen Bergdorf in den Pyrenäen Kataloniens. Denn so
spannend sich die Suche danach auch gestaltet, was in jener
Mordnacht des 17. Oktober 1944 in der Dorfkirche wirklich geschehen
ist, so abenteuerlich legen sich gegenläufige Instrumentalisierungen
dieses Todes wie ein undurchdringlicher Schleier über jene
menschenverachtende Tat. |
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War der Tod von Oriol
Fontelles Ausdruck der mutigen Tat eines Helden des Vaterlandes, wie sie
die Blauhemden der Falange sehen wollen, oder im Gegenteil Ausdruck eines
selbstlosen Aktes des Widerstandes gegen Franco und dessen Rückeroberung
Kataloniens, jenes berüchtigten „Ha llegado España", wie die „Roten", die
Kämpfer des Maquis und der Internationale gegen den Faschismus in Europa,
im Untergrund verbreiten lassen? "Weder – noch", verkündet die Kirche, die
stattdessen den Namenlosen nahezu sechs Jahrzehnte später als
wundertätigen Märtyrer ehren lässt – auf Betreiben von Elisenda Vilabrù,
der heimlichen Geliebten des Toten und der ungekrönten Herrscherin der
Region. Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch auf einer eher privat
alltäglichen Ebene, ist das Geschehen Ausdruck einer den politischen
Wirren geschuldeten Verzweiflungstat eines Mitläufers wider Willen, der
sich mit seiner Wandlung vom Faschisten zum Widerstandskämpfer von seiner
eigenen Feigheit zu distanzieren sucht, um posthum in den Augen seiner
Familie bestehen zu können. Diese Sicht wird zumindest durch den
Zufallsfund seines langen Abschiedsbriefes an seine noch ungeborene
Tochter nahe gelegt, den eine Gymnasiallehrerin und Journalistin, die an
einem Projekt über den Wandel des Schulbuches von 1940 bis 2002 arbeitet,
in einer hinter der Wandtafel verborgenen Zigarrenkiste just in dem
Augenblick findet, als die alte Dorfschule in Torena abgerissen wird und
die Kurie in Rom ihre Opfer des Spanischen Bürgerkrieges als Märtyrer zu
ehren beginnt. |
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Angesiedelt ist das lange tief verdrängte Geschehen in einem
Schreckensdorf, wo hinter der beschaulichen Idylle der unversöhnliche Hass
der Generationen an den Fassaden der Häuser klebt und von wo eine
unwiderstehliche, aber eiskalte Kazikin – eine „Doña Perfecta" des 20.
Jahrhunderts – unerbittlich und über den Wechsel der politischen Systeme
hinweg alle Fäden der Macht im Lande zieht. Ein fiktiver, gleichwohl
emblematischer Ort, denn Torena ist – in Katalonien, ist in Spanien –
überall. |
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Unterstützt wird dieser
Eindruck, weil das Geschehen gleichsam als mise-en-abîme inszeniert
wird, nicht linear, sondern durch unablässige Wiederaufnahmen, durch
rasche filmische Überblendungen der Zeitebenen, Schauplätze und
Perspektiven zirkular erzählt. So entsteht eine temporeiche, gleichsam
kriminalistische Suche voller witzig grotesker wie ernster und lyrischer
Momente. Ein barockes Universum, in dem nichts ist, was es scheint, am
wenigsten die Liebe und der Tod. Ein tragikomisches Epos wider das
Vergessen, ohne die übliche Selbstgefälligkeit der Ankläger, die
Verstocktheit der Unbelehrbaren oder den naiven Idealismus der
Gutmenschen, zu sehr scheinen Heuchelei und Lüge hier als Quellgrund
gesellschaftlichen Versagens allgegenwärtig – damals wie heute. Eine
Satire mithin ohne den faden Triumphalismus eines „Nie wieder … !"
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Wer hier mit Würde aussteigt,
tut es stoisch und still wie Rosa, die schwangere Frau des
Dorfschullehrers, die den feigen Opportunismus ihres Mannes nicht mehr
erträgt und lieber einer ungewissen Zukunft entgegengeht. |
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„Rosa verließ Torena am Tag
vor Weihnachten, dem Tag, an dem Ventureta [die von „Henker von Torena"
erschossene vierzehnjährige Geißel] zu Grabe getragen wurde, als alle bei
der Arbeit waren und Oriol in Sort an einer Konferenz aller Lehrer der
umliegenden Täler teilnahm, einberufen vom Abgeordneten der Falange
Española, der sie überreden wollte, der Falange beizutreten, und zwar
geschlossen, Kameraden. Rosa ging wie ein Flüchtling, ohne jemandem
Bescheid zu sagen. Sie wusste, dass sie außer ihrem Korb und ihrem vollen
Koffer alle Illusionen mitnahm, all ihre Vorstellungen davon, wie schön es
hätte sein können. Sie tat es, weil sie eine starke Frau war und nicht
wollte, dass ihr Kind neben einem Faschisten aufwuchs. All ihre Hoffnungen
trug sie in ihrem Bauch." |
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Ein starker Protest, den die
Gleichgültigkeit der Zeitgenossen gleichwohl in einen ohnmächtigen
Verlierergestus verwandelt. Dass er dennoch weit reichende Folgen hat,
liegt an der unterschwelligen tragischen Ironie dieser Erzählung selbst:
Denn das Kind in ihrem Bauch wird nach der heimlichen Zwangsadoption durch
Elisenda als skrupelloser Geschäftsmann sowohl die Träume seiner
leiblichen Eltern auf Rehabilitation als auch die Machtträume seiner
Adoptivmutter durchkreuzen. Und so entlässt uns der Roman mit einem
melancholischen Quo vadis, mundus? Oder in den letzten Worten des
alten Steinmetzen aus Torena: „Man weiß nie, wo das Unglück endet."
Zumindest solange die Menschen ihr Leben unter Lüge und Heuchelei
begraben. |
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Kein Zweifel: gerade die
wiederholte Lektüre dieses 2004 unter dem Titel Veus del Pamano
veröffentlichten Romans, an dem der 1947 in Barcelona geborene Autor nach
eigenen Angaben sieben Jahre gearbeitet hat, lohnt. Und wäre Figaro des
Katalanischen mächtiger, er würde ohne zu zögern sofort weitere Werke wie
L’ombra de l’eunuc (1996) oder Viatge d’hivern (2000) auf
seine Liste setzen, ohne erst noch lange auf die löblichen
Vermittlerdienste einer Übersetzerin wie Kirsten Brandt zu warten.
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Moos & Baden-Baden: Elster 1991 |
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Zugegeben: dieses Buch hat Figaro überhaupt
nur in die Hand genommen, weil sein Titel El temps de les cireres
ihm unwillkürlich die Erinnerung an den Chansonnier Yves Montand
zurückbrachte, für den er als Student in Frankreich einst geschwärmt
hatte. Dessen sinnlich melancholischer Vortrag jenes Liedes Le
temps des cérises von Jean Baptiste Clément, eines Dichters aus
den Tagen der Pariser Kommune, ließ ihn damals wohlig vage vom
Anbruch einer glücklichen, angstfreien Zeit träumen. Dass dieses
Lied aber zur gleichen Zeit für die Studenten in Barcelona, die in
Protesten gegen die franquistische Repression ihre Karriere und ihre
Gesundheit aufs Spiel setzten, zur konkreten Utopie werden konnte,
hat ihm erst dieser zeitgeschichtliche Roman aus dem Jahre 1977 von
Montserrat Roig offenbart. |
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Von dieser in den siebziger und achtziger Jahren in Katalonien und
landesweit aus Presse und Fernsehen bis zu ihrem frühen Tode 1991
sehr bekannten Journalistin und Schriftstellerin hatte er nie zuvor
auch nur eine Zeile gelesen, weder ihre mutigen Reportagen und
Interviews – Els catalans als camps nazis (1977) etwa – noch
ihre zeitkritischen Romane. Und die Veröffentlichung der Zeit der
Kirschen 1991 in einem kleinen Verlag für Frauenliteratur war
für Figaro lange Zeit auch nicht gerade eine ausgesprochene
Empfehlung. Stolz ist er auf so viel Ignoranz freilich nicht. |
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In
gewisser Weise eröffnet die 1946 geborene Montserrat Roig den Reigen jenes
neuen Typs von Autorinnen, die nicht zuletzt publizistisch sehr
erfolgreich sind wie Esther Tusquets, Carme Riera, Maruja Torres… Mit
ihnen rückt vor allem das Thema der in der Liebe frustrierten Frau mit
allen seinen Spielarten in den Mittelpunkt. Die gesellschaftliche
Benachteiligung der Frau, die ja bereits seit den Tagen des Realismus
angesagt ist und zuletzt in den Romanen von Maria Barbal und Mercè
Rodoreda ihren sozial denunziatorischen Niederschlag gefunden hatte,
erhält hier nun mit der prononzierten Opferrolle gegenüber dem Mann
gleichsam ihren frühen feministischen Einschlag. |
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Bei Montserrat Roig findet
diese allgemeine Klage auch einen konkreten Adressaten: die
katholische Erziehung, in Sonderheit die Klosterschule. In den
traumatischen Erinnerungen ihrer Protagonistinnen erscheint sie nicht nur
als Quellgrund lebensfeindlicher Verklemmungen, sondern auch als Hort
einer perfiden binnenspanischen Kolonialisierung: Mit dem Schüren einer
allgegenwärtigen Angst vor der Sünde, verbunden mit Drohungen wie “Sprich
christliches Spanisch und nicht dieses teuflische Katalanisch, du böses,
böses Mädchen“, wurden diese Töchter der Mittelschicht geradezu
systematisch ihres Körpers und ihrer Kultur entfremdet. |
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Aber auch ihre Väter verloren
hier mit dem Einmarsch der Franquisten ihre Identität. Wer wie Joan
Miralpeix, der in seiner Jugend mit der Linken sympathisiert hatte, drei
Jahre das Konzentrationslager von Betanzos überlebt, spricht fortan
die Sprache der Sieger oder wird gemütskrank. |
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"Calia
deixar ben endarrera els aires que els havien dut tantes desgràcies. Calia
regirar el pensament, calia commençar
a parlar d’una altra manera, vestir-se com ells volien, tancar-se a casa,
dormir,
fer-hi una llarga i compacta dormida, calia no sortir al carrer, perquè el
carrer era d’ells – l’única
revenja possible: fer diners […]." |
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(Es kam darauf an, das Klima
weit hinter sich zu lassen, das ihnen soviel Unglück gebracht hatte. Es
kam darauf an, das Denken umzukrempeln, man musste auf eine andere Art und
Weise reden, sich kleiden, wie sie es wollten, sich zu Hause einschließen,
schlafen, in einen langen, festen Schlaf versinken, lieber nicht auf die
Straße gehen, denn die Straße gehörte ihnen – die einzige mögliche Rache:
Geld machen […].) |
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Schweigen, um zu überleben,
Geld scheffeln, um zu vergessen – für Joan Miralpeix aus Eixample, dem
Viertel des wohlsituierten Bürgertums in Barcelona wird diese traurige
Maxime zur tödlichen Falle. Je länger der Tod Francos auf sich warten
lässt, umso mehr entgleitet dem Baulöwen seine Familie, werden aus Liebe
Gleichgültigkeit, Angst und Hass. |
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Seine Tochter Natàlia, die Protagonistin des Romans, wird Opfer und Zeugin
dieses langsamen Selbst-zerstörungsprozesses des katalanischen Bürgertums.
Aus Wut über die Niederschlagung der Studentenproteste in Barcelona und
aus Angst, der eigene Vater könne ihre illegale Abtreibung der Polizei zur
Anzeige bringen, hatte sie 1962 das Land verlassen, das Jahr, in dem die
Diktatur mit der blutigen Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks in
Asturien und der Hinrichtung des Kommunistenführers Grimau dem
demokratischen Europa seine Entschlossenheit zur Repression demonstierte.
Als sie es 1974 wieder betritt, steht das Land noch unter dem Schock des
wenige Tage zuvor unter den flammenden Protesten des Auslandes
garottierten Anarchisten Puig Antich. Für Natàlia ist diese Nachricht das
traurige Signal über zwölf weitere Jahre Stillstand, Korruption,
Grabesruhe, zwölf Jahre, in denen hinter der Fassade wachsenden
Wohlstandes der moralische Verfall ihres Landes unaufhaltsam
fortgeschritten ist. Ihre eigene Familie, deren Mitglieder sie in den
sechs Kapiteln des Buches nacheinander vorstellt, bieten ihr diese
traurige Gewissheit: eine erschreckende, tragikomische
Orientierungslosigkeit allenthalben, ein morscher Stamm, an dem die
Wurzeln der eigenen Kultur gründlich verdorrt sind und dem die wabernden
Mythen westlichen Konsums nicht wirklich eine neue Blüte verheißen. Kein
gutes Omen für eine neue Zeit der Kirschen – auch nach dem Abgang des
Diktators nicht. |
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Eine
ernüchternde, eine bedenkenswerte Bilanz dieser feministischen
Katalanistin, die ihr gleichwohl noch im Jahr des Erscheinens den
angesehenen Sant Jordi Preis eingetragen hat. Angekündigt hatte sie sich
bereits 1972 in dem Roman Ramona, adéu. Sie setzt sich nach El
temps de les cireres 1980 mit L’hora violeta fort. Alle drei
bilden eine lockere Trilogie, eine Art Familiensaga in Form eines
Nebeneinanders von Lebensläufen, ein lebendiges Mosaik der katalanischen
Mittelschicht. Gewiss, die Miralpeix mögen in der Phantasie ihrer Leser
nicht die poetische Kraft der Buendías oder Buddenbrocks entfalten, aber
eine unterhaltsame Lehrstunde zum besseren Verständnis des heutigen
Katalonien sind sie allemal. Und noch sind die Übersetzungen ihrer Romane
preiswert in Restposten im Internet zu beziehen. |
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Pollença: El Gall Editor 2004 |
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Nach
so viel
Vergangenheitsbewältigung auf
Katalanisch
–
will sagen in den
unterschiedlichen
Modi
der
Ironie
– in der zeitgenössischen Erzählliteratur stand Figaro der Sinn
nach mehr Eigentlichkeit der Rede. Zugetragen hat sie ihm der Zufall eines
Ausflugs nach Randa.
Dort in der
Einsamkeit jener Berglandschaft hatte einst Ramón Llull Jahre seines
Lebens verbracht, jener Gelehrte, dessen Ruf als Theologe, Philosoph und
Dichter im Mittelalter ganz Europa überstrahlte und in dem die kulturellen
und politischen Eliten des katalanischen Sprachraums gerade heutzutage
wieder eine identitätsstiftende Lichtgestalt erblicken, vergleichbar einem
Dante in Italien. |
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In der Buchauslage des kleinen Souvenirladens
im dortigen Ramón Llull-Museum war ihm jenes schmucklose Büchlein
aus der Reihe Clàssics del Gall in die Hände gefallen, dessen
Titel – Llibre d’Amic i Amat – gleichwohl nichts Geringeres
als eine Perle europäischer Lyrik verspricht. |
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In der Tat steht dieses "Buch vom Freund und
dem Geliebten“ aus dem 13. Jahrhundert als früher Gipfelpunkt
europäischer Mystik in unserem kulturellen Gedächtnis,
ferner
Wegbereiter auch der glänzenden asketischen Literatur einer
Teresa von Ávila oder eines Fray Luis de León im 16. Jahrhundert. Es
ist eine Sammlung einfühlsamer Aphorismen – 366 an der Zahl – ,
angesiedelt zwischen dem Hohen Lied und der Spruchdichtung
der mohammedanischen Sufis. Diese Strophen besingen das Sehnen des
Menschen nach Vereinigung mit seinem Gott, zeugen vom
schmerzlich-beglückenden Doppelcharakter dieses Verlangens, von
jener brennenden Sehnsucht mithin, die das Leben gleichermaßen
ernährt wie verzehrt. |
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An jenem Frühlingstag im Winter klang besonders der nachstehende
Aphorismus jener offenen Zwiesprache zwischen dem Schöpfer und seinem
Geschöpf noch lange in Figaro nach:
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Der Vogel sang auf
einem Zweig mit Blättern
und Blüten,
und der Wind wiegte die Blätter
und brachte den Duft der Blüten.
Der Freund fragte den Vogel,
was die Bewegung der Blätter
und der Duft der Blüten bedeuten.
Er antwortete: "Die Blätter
bedeuten
in ihren Bewegungen Gehorsam
und der Duft Leid und Ungemach." |
- Gedicht 58 -
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Als
Figaro Stunden später immer noch gedankenverloren den Berg wieder
hinabfuhr, fielen ihm die vorlauten Stimmen jener ins Rampenlicht
drängender Zeitgenossen ein, die sich im unseligen Sprachenstreit auf der
Insel mit der wohlfeilen Ansicht zu Wort melden, das Katalanische sei doch
nur ein dialektaler Ableger der Kultursprache Spanisch. „Da sei doch der
Mallorquiner Ramón Llull vor!“ Doch anstatt sich ungehalten über so
viel Ignoranz zu ärgern, zog Figaro es vor, still vor sich hin zu lächeln
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und vierzehn weitere Erzählungen aus dem
Katalanischen |
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Ausgewählt und aus dem
Katalanischen übertragen von Angelika Maas |
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Frankfurt/M:
Vervuert 1988 |
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Ein wenig verwundert hatte er den
Band in der Badetasche der Familie gefunden. Aber hier in der Bucht
von Canyamel im Schatten der Tamarisken kam er ihm sehr zu pass. Der
Hardcover-Einband widerstand der leichten Brise ungleich besser als
die Tageszeitung. Und für einen dicken Wälzer war die Umgebung viel
zu spannend. Diese Sammlung von kurzen Geschichten indes fügte sich
hervorragend in den Rhythmus der kleinen Unterbrechungen am Strand,
der willkommenen wie der ungebetenen gleichermaßen.
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Geradezu ein ideales Ambiente für
eine abwechslungsreiche, unterhaltsame Lektüre über Liebe und Meer,
Einsamkeit und Tod
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ein bunter Bilderbogen vertrauter
Erfahrungen halt, in freilich ungewöhnlichen Situationen des Lebens:
ein Tier als Substitut menschlicher Nähe in der Einöde einer
heruntergewirtschafteten Region (Das Huhn von Mercè Rodoreda);
nordisch lange Frauenbeine im Zugabteil als rotes Tuch für
mediterranes Männerblut (Die Lachsdame von Quim Monzò); das
Meer als Leichentuch einer uneinlösbaren Liebe (Und lass als
Pfand, mein Liebling, Dir das Meer von Carme Riera)
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Und laß als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer
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Diese ungemein appellative Apostrophe gibt dieser Sammlung
katalanischer Kurzgeschichten
– 15 an
der Zahl –
auch insgesamt ihren Titel. Sie umspannen den Zeitraum vom Ende des
Bürgerkriegs bis zum Beginn der Demokratie und entstammen der Feder von 11
Erzählerinnen und Erzählern aus drei unterschiedlichen Generationen: die
"Generation der Republik" ist hier mit LLorenç
Villalonga (1897 - 1980) und Mercè Rodoreda (1909 - 1983), Pere Calders
(1912 - 1994 ) und Salvador Espriu (1913-1985) vertreten, die "der 50er
Jahre", die den Bürgerkrieg in ihrer Jugend oder als Kind erlebten,
mit Maria Aurèlia Capmany (1918 - 1991), Manuel de Pedrolo (1918 - 1990),
Joan Perucho (1920 - 2003) sowie mit Miquel Àngel Riera (1930 - 1996) und
Baltasar Porcel (1937 - 2009), während für die "Generation der 70er
Jahre", der letzten inzwischen bereits akzeptierten Gruppe, Carme Riera
(1948) und Quim Monzò (1952) stehen. |
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Ein erstaunlich guter
Fächer über drei Generationen der katalanischen Gegenwartsliteratur. Denn
viele der hier Ausgewählten, die zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser
Anthologie dem deutschen Leser noch unzugänglich waren, haben inzwischen
auch im deutschsprachigen Raum eine breite Präsenz erworben.
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Anthologien wie dieser im Vervuert Verlag erschienenen sei Dank!
Dieser 1988 –
aus Anlass der 1000 Jahre zuvor erstmals errungenen staatlichen
Unabhängigkeit Kataloniens –
herausgebrachte Band war auch als Ermutigung gedacht, als Weckruf nicht
zuletzt an die Nordeuropäer, die kulturelle Erneuerung Kataloniens endlich
zur Kenntnis zu nehmen. Es sollte noch weitere zwei Jahrzehnte dauern, bis
er Figaro unter Tamarisken am Strand von Canyamel erreichte. Aber dort hat
er ihn vernommen. |
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Roman aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt |
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Berlin: List Taschenbuch 2009 |
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Bei Hugendubel am Münchener Stachus war er ihm
in die Hand gefallen, auf der Rückfahrt im ICE hatte er ihn in einem
Zug gelesen, den neuen Roman
der 1948 in Palma geborenen, seit 1965 in Barcelona lebenden
Autorin und Literaturdozentin Carme Riera. Offenbar ist die
katalanischsprachige Literatur inzwischen auch in Deutschland
in gut sortierten Buchläden präsent. Figaro fühlt sich mithin in
seinem Anliegen, für diese in Europa oft verkannte literarische
Provinz zu werben, einmal mehr bestätigt. Ist sie doch für Europas
Kulturlandschaft durchaus eine Bereicherung. Der kurze, 2007 zur
Buchmesse in Frankfurt zunächst in Hardcover bei Ullstein
erschienene und seit 2009 auch als List Taschenbuch vorliegende
Roman Der englische Sommer aus dem Jahre 2006 – L'estiu
del l'anglès – jedenfalls erfüllt die Erwartung an
lesenswerte Unterhaltung in jeder Hinsicht: eine spannende Lektüre
für wenige Stunden, virtuos erzählt, in klarer und differenzierter
Sprache, voll hintergründiger Ironie. |
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Dabei ist der Plot denkbar einfach: Die
neunundvierzigjährige Immobilienmaklerin aus Barcelona ist über Nacht wild
entschlossen, ihre Karriere-, wo nicht ihre Lebenschancen während ihres
Urlaubs durch einen Sprachkurs in England durchschlagend zu verbessern. Im
Internet bucht sie kurzerhand das scheinbar ganz ideal auf ihre
Lebenssituation zugeschnittene Angebot: Einzelunterricht in abgelegenem
englischen Landhaus bei einer passionierten Lehrerin im Ruhestand. Dass
aus der Idylle dann im Alltag rasch ein Albtraum wird, ist dem naiven
Wunschdenken wie der Unvereinbarkeit der beiden Charaktere gleichermaßen
geschuldet. Und die Situation gerät unaufhaltsam außer Kontrolle, sobald
unter dem Druck der latent immer möglichen sadomasochistischen
Lehrer-Schüler-Relation die Fassade des Trivial-Alltäglichen die
verdrängten Minderwertigkeitskomplexe der beiden Frauen, die glauben, dass
Männer bereits "ihre Vergangenheit" seien, mit Macht freigibt. Jeder
Versuch dieser neuroseträchtigen Lage zu entkommen, beschleunigt nur die
Katastrophe. |
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Figaro ist diese Logik des Absurden
durchaus vertraut. Bei Ionesco – nicht nur in La Leçon
(Die Unterrichtsstunde) – ist sie ihm oft begegnet. Aber anders als
die Dramatiker des Absurden nutzt Carme Riera die paroxystische
Dynamik der Selbstzerstörung nur vermittelt, gleichsam in der
reflektierenden Rückschau. Noch auf dem Krankenlager, aber schon
unter Anklage sucht die Ich-Erzählerin – gleichsam in einem
Aussageprotokoll für ihren Anwalt – das Unbegreifliche in der
Rückschau zu erklären. Dieser Erklärungsversuch des eigentlich
Unerklärlichen – das Niederstechen einer als Bedrohung empfundenen
Lehrerin im Affekt – durch ein Netz von subtilen Vorausdeutungen
macht wie im Psychothriller das Anschwellen des Angstpegels in der
Protagonistin nachvollziehbar. Gezielt konterkariert wird dieses
Erschauern freilich durch die Distanz schaffenden Abweichungen der
Erzählerin, in denen diese über ihre eigene kollektive
Befindlichkeit als Katalanin –
gegenüber dem vermeintlichen Kulturimperialismus der Engländer etwa,
jene "Einwohner des perfiden Albion", die gegen Südländer "immer
noch Animositäten" hegen – sinniert, so als suche sie, die sich
ansonsten durchgängig als Opfer sieht, unterschwellig doch
nach mildernden Umständen für eine Tat, die sie als Täterin sich
letztlich doch nicht zu erklären vermag – allen Schuldzuweisungen an
das zur Pathologin stilisierte Opfer zum Trotz. |
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"Manchmal", so endet der Roman, "packt mich
Reue, vor allem, wenn ich mich selber sehe, die Schere in der Hand,
und mich dabei beobachte, wie ich sie der Grose in den Leib stoße,
ein, zwei, drei... dreizehn
Mal." Ein überraschender Schlusssatz eines als Selbstplädoyer
angelegten Berichts, der in dieser tabulos naiven Direktheit der
Aussage Figaro entfernt an den so genannten tremendismo eines
Camilo José Cela erinnert. Mit dieser Technik konnte einst der
spätere Nobelpreisträger seinen Protagonisten Pascual Duarte sich
zugleich selbstbezichtigen lassen und die Gesellschaft
stillschweigend mit auf die Anklagebank setzen. Hier nun öffnet die
Schlusspointe über dem Spannungsbogen des linear erinnerten Ablaufs
der Ereignisse den Blick auf die Abgründe unserer gesellschaftlich
konditionierten Natur. |
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In Figaros Augen gewiss eine meisterhafte
Erzählerin. Die Virtuosität ist geradezu ihr Markenzeichen:
erkennbar bereits in ihrer ersten 1988 auf Deutsch erschienenen
Erzählung Und lass als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer (Te
deix, amor, la mar com a penyura 1975), wenige Seiten
nur, die der gleichnamigen, bei Vervuert erschienenen Anthologie
katalanischer Erzähler ihren Titel verleihen und die ihren späteren
Erfolg begründen, oder ausgepägter schon in der 1993 als Fischer
Taschenbuch erschienenen Novelle Selbstsüchtige Liebe
(Cuestión de amor propio 1988). Auffällig auch deren
strukturelle Analogie mit dem hier in Rede stehenden Roman. Wie im
Englischen Sommer so suchen auch dort Ich-Erzählerinnen
in Form eines Briefes nach Erklärungen ihres Scheiterns, ihrer
frustrierten Erwartungen. Obsessive Monologe allemal, geschrieben
gleichsam vor dem Gitter eines säkularisierten Beichtstuhls. Es sind
freilich hoffnungslose Plädoyers, hat doch die jeweilige
Gesellschaft ihr Anliegen immer schon verworfen: das Lebensrecht der
lesbischen Liebe in Zeiten des Franquismus, die Selbstachtung der
Frau in der heterosexuellen Partnerschaft in Zeiten der
karrieresüchtigen Transición oder das nicht zuletzt am
eigenen Geschlecht scheiternde Autonomiestreben der Frau auch
in unseren ach so permissiven Zeiten. Und das pointierte Ende dieser
Erzählungen bestürzt dann umso mehr, als es die Schuldfrage nach
Beichte und Plädoyer noch einmal neu und direkt an uns alle
zurückgibt. |
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Tiepolo und die
Unsichtbare Stadt
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Ungekürzte Taschenbuchausgabe München,
Zürich: Serie Piper 2008 (5290) |
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Was hat das namenlose Fischerdorf
La Ràpita im Ebrodelta, das
Carlos III im Zuge seiner Reformpolitik als Sant Carles
einen Moment lang zum Sankt Petersburg des Mittelmeers machen wollte
und dessen Ruinen Franco auf einer Propagandatour in den 60-er
Jahren nicht einmal mehr eine Erinnerung wert sind, mit der
Identität der Katalanen im 21. Jahrhundert zu tun? Eine ganze Menge,
wenn wir den 2005 erschienenen und sogleich mit dem Sant
Jordi Preis prämierten Erfolgsroman
La Ciutat Invisible
von Emili Rosales aufmerksam lesen. |
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Was hier wie ein
historischer Abenteuerroman und zeitgenössischer Krimi in eins
daherkommt, wird in der Tiefe zusammengehalten durch jenen knorrigen
Mythos der Fremdbestimmung, nach dem die Katalanen sich als
Daueropfer willkürlicher Despoten aus Madrid empfinden, der ihnen
jede Chance auf kreative Selbstentfaltung verwehre. |
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Ohne
Eigenständigkeit aber kein Heil. Unsere beiden Helden
– ihre Namen wirken wie Projektionen ihres
1968 in eben diesem Fischerdorf geborenen Autors Emili Rosales –
nämlich Adrea Roselli, der visionäre Bauherr aus Arezzo in Diensten von
Carlos III und Emili Rosell, der frustrierte Galerist aus dem Barcelona
unserer Tage, müssen diese Lektion unter Schmerzen lernen, bevor sie sich
selbst und ihr Glück finden. Denn erst ihr Scheitern weist ihnen den Weg
zu einem Leben in Freiheit. |
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Ohne diesen mythischen
Horizont macht die Zusammenschau zweier, 250 Jahre voneinander getrennter
Lebenskurven in einem Roman wenig
Sinn, in diesem Lichte aber wird die Verschmelzung dieser beiden
Autobiographien zu einem fesselnden literarischen Abenteuer. Erzählerisch
aufgezogen wird es geradezu virtuos. Denn die beiden Memoiren treten dem
Leser naturgemäß nicht nacheinander vor den Blick, sondern in genau
kalkuliertem Wechsel von Kapitel zu Kapitel. Die Spannung des Romans
steigt in dem Maße, wie das Verschmelzen der beiden zeitlich unverbundenen
Handlungsstränge dem gleichsam kriminalistischen Spürsinn sich erschließt
und die Gegenwart durch die Vergangenheit so situiert erscheint. Das
Mittel ist wie so oft im Roman der Fund eines Manuskripts. |
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Hier sind es die italienisch geschriebenen
Memoiren von Andrea Roselli, die unserem Protagonisten Emili Rosell
mit dem apokryphen Titel La Ciutat Invisible unter
mysteriösen Umständen zugespielt werden. Und in dem Maße, wie er
dieses Manuskript übersetzt, durchschaut er nicht nur die
dramatische Suche seiner Bekannten nach einem angeblich
verschollenen, sündhaft teueren Tiepolo, sondern findet auch den
Ariadnefaden aus dem Labyrinth seines eigenen fremdbestimmten
Lebens, aus den Lügen und Verdrängungen seiner Kindheit. |
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Und weil der Autor Geschichte nicht als unausweichliches Schicksal,
sondern als Entscheidungsfolie für die Zukunft sieht, sucht auch unser
Galerist nicht die Wurzeln seiner leiblichen Herkunft in der Francozeit,
sondern stellt sich stattdessen dezidiert in die ideelle Nachfolge jenes
italienischen Baumeisters, dessen Vision von Sant Carles de la Ràpita er
durch eigene Anstrengung gerade erst wieder neu zur Ansicht gebracht
hatte. "Meine Familie"
– so sein letzter Eintrag
– "in der Nacht, auf dem Weg zum Licht."
Ein Schlusssatz, der sich für seine katalanischen Zeitgenossen zumal wie
das Versprechen einer kollektiven Leuchtspur liest.
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Tiepolo und die unsichtbare Stadt
– der Titel der deutschen Ausgabe, die in der Übersetzung von Kirsten
Brandt seit 2008 auch als Taschenbuch in der Serie Piper vorliegt, erweist
sich als glücklicher Fund. Schließlich besetzt Tiepolo in diesem
„historischen“ Roman narrativ wie diskursiv eine Scharnierfunktion: Spornt
die Hoffnung auf einen verschollenen Tiepolo die Gier der Zeitgenossen an,
weckt die Erinnerung an das Genie dieses barocken Malers des
Settecento, der selbst zeitweise in Karls
Diensten stand, die Sehnsucht nach Freiheit. Emili Rosales bietet mit
diesem Roman spannende Unterhaltung. Weniger anspruchsvolle Literatur als
journalistische Pointierung, gewiss, aber eine, die für die Dauer der
Lektüre Figaro ungleich tiefere Einblicke in katalanische Mentalitäten
erlaubt als ein Jahresabonnement der spanischen Tagespresse.
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Eine stürmische Reise durch
Zeiten und Kulturen |
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Katerstimmung liegt in diesen Tagen der
weltweiten Banken- und Wirtschaftskrise über Europa, vor allem der
Süden scheint von tiefen Depressionen geschüttelt. Die alten, im
Zuge des nicht enden wollenden Booms der letzten Jahrzehnte
überwunden geglaubten Ängste in der Moderne, die von der eigenen
Rückständig- und Bedeutungslosigkeit zumal, stehen dort erneut im
Raum. |
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Da mag die Mediterrània des
mallorquinischen Autors Baltasar Porcel wie ein heilsames
Therapieangebot erscheinen. Denn diese, eigenem Urteil nach
„kapriziöse, historisierende Reise“ (S. 296) durch die Zeiten und
Kulturen des Mittelmeers nährt den Traum von der Wiedergeburt dieses
Kulturraumes zu alter Größe, vom Mittelmeer als neuerlichem Zentrum
der Zivilisation mit Barcelona als möglichem Kraftzentrum einer
neuen lebenswerten Ordnung jenseits der Verwerfungen einer im Norden
entfesselten lebensfeindlichen Moderne. |
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Dieses zuerst 1996 erschienene Buch ist nun, seit 2009, unter dem Titel
Das Mittelmeer. Eine stürmische Reise durch Zeiten und Kulturen in der
schönen Übersetzung von Kirsten Brandt endlich auch dem deutschsprachigen
Leser im Transit Verlag zugänglich: Eine spannende Lektüre, schwungvoll,
stellenweise anrührend und mitreißend geschrieben. Und was sich auf den
ersten Blick wie ein frühes Bewerbungsschreiben für den Vorsitz der von
der EU projektierten Union für das Mittelmeer ausnimmt, wird für den
geduldigen Leser zu einer aufschlussreichen Begegnung mit den
kulturellen Mythen dieses Raumes, die tief in die kollektiven
Befindlichkeiten seiner Menschen hinabreichen. |
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Ziel
dieser kulturellen Spurensuche, die im Osten in vorhellenischer Zeit
einsetzt, bis sie im Westen bei den Migrationsbewegungen unserer Tage
anlandet, ist ein vertieftes Bild vom Mittelmeer als „gemeinsamem
ethnischen und kulturellen Nährboden“ (S. 196). Eine kühne, eine
optimistische Vision angesichts des oft lebensbedrohlichen Zusammenpralls
der religiösen und ethnischen Besonderheiten, eine Vision, in deren Licht
das verwirrende Ringen um die Vormacht an beiden Ufern des mare nostrum
wie unzeitgemäße, bedauerlicherweise nicht als solche erkannte
Bruderkriege erscheinen. |
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„Mediterran“ ist das Losungswort dieser
Suche. Es steht idealiter für eine besondere Form des
In-Der-Welt-Seins, eine Kulturform, die die Landschaft wie das
Essen, das Dasein wie das Denken gleichermaßen umschließt. Im
Horizont der Entfremdungszwänge der Moderne, wie sie der Norden
unablässig generiert, wird das Mittelmeer hier zum Erfahrungs- und
Fluchtraum der Sehnsüchte seines Autors: nach Sinnlichkeit und
Kreativität, nach Licht und Wärme, nach Schönheit und Leben. |
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Universale Sehnsüchte bei
Licht besehen, in denen Figaro mit seiner Dauersehnsucht nach dem Süden
sich unschwer wieder findet. Will ihm doch scheinen, als träume der
Mallorquiner ironischerweise hier ein Stück weit jenen Traum individueller
Selbstverwirklichung weiter, dem das Unbehagen an den Zwängen des
zweckrationalen Denkens, an der zuweilen menschenverachtenden Dynamik des
wissenschaftlich ökonomischen Fortschritts gerade in den Zentren des
Nordens früh schon und immer neu Form verliehen hatte - seit Winckelmanns
Traum von der „edlen Einfalt, stillen Größe“ der Griechen im einstigen
Hellas und in der Folge über die Romantik bis zu den Völkern des Südens,
jenen „peuples du Midi“ eines Camus. Porcel indes, der die Mission seiner
Insel als Begegnungsraum zwischen den beiden Ufern des Mittelmeers
versteht und namentlich in den Berbern seine Brüder erkennt, träumt diesen
Traum freilich weiter, bis er – und das ist beachtlich genug – die Völker
des Islam und das Judentum mit umspannt.
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Figaro fühlte sich, als er
dieses anregende Buch 416 Seiten später endlich wieder aus der Hand legte,
reich beschenkt, wenngleich ein wenig erschöpft, der unvermeidlichen Mühen
nach einem solchen par force Ritt durch Zeiten und Kulturen wegen
nicht allein. Ein solch bedingungsloses Werben für das Mediterrane hatte
ihn nachdenklich gemacht, zumal es sein Kampfprofil implizit auch einer
undifferenzierten Ablehnung der Moderne verdankt. Ein Buch, geschrieben
gleichsam mit dem Rücken zum Norden, äußerst lesenswert, gewiss, aber auch
blind für die Möglichkeiten zum lebensnotwendigen Dialog mit der Welt.
Sonst könnte der zerbrechliche Zauber des hier beschworenen Mediterranen, den das
wundervolle Schlussbild des Buches noch einmal mit Nachdruck vor unseren
Sinnen erstehen lässt, leicht auf Dauer verschwinden:
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„Gerade eben hat mir ein
wortkarger Fischer zwei Wolfsbarsche gebracht. Ich brate sie mir mit Salz
und Öl über dem lodernden Kaminfeuer. Aus dem noch winterkalten Garten
hole ich mir den ersten Mangold und ganz zarte Zwiebeln. Dazu mache ich
mir eine Flasche kühlen Weißweins auf. Ich habe knuspriges Brot. In diesem
Augenblick bin ich dem Glück sehr nahe. Ja, ich bin Teil dessen, was ist
und sein wird: unseres Mittelmeers.“
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Eine
Liebesgeschichte aus Katalonien |
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Wer als Tourist den Süden Europas mit einem Gefühl der Leichtigkeit
des Lebens assoziiert, kann in der katalanischsprachigen Literatur
hinter der Idylle der Landschaft eine unvermutete Härte des Alltags
entdecken, die die Menschen in den Metropolen des Nordens
gleichermaßen befremdet wie fasziniert. Der Roman Solitud –
„Einsamkeit“ – verspricht ein solches Erlebnis befremdlicher
Selbsterfahrung. |
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Es ist eine ereignisarme, gleichwohl spannungsreiche Geschichte
unerfüllter Liebe. Angesiedelt ist sie in der schroffen Bergwelt
Kataloniens, die das Leben einer jungen Frau aus dem Volke von Grund
auf verändert. Als Mila, überredet von ihrem Ehemann Matías, in der
Einsiedelei ankommt, will ihr scheinen, „die dämmrige Abendstille
(bedecke) sie mit einem Leichentuch“ (S.27). Doch als sie sich nur
ein Jahr später „mit hoch erhobenem Kopf“ und „allein“ an den
Abstieg macht, um ihren Mann, einen Tunichtgut, für immer zu
verlassen, haben sich zwar „die bitteren Kristalle der Einsamkeit
auf ihrem Schicksal niedergeschlagen“ (S. 362), aber sie haben ihr auch Mut
zur Eigenverantwortung verliehen. |
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Es
ist ein dramatischer, ein schmerzhafter Prozess der Selbstfindung, der
angestoßen wird durch die Begegnung mit dem Schäfer Gaietà, in dem sie
einen wahren Freund findet, vorangetrieben durch die frustrierende
Gleichgültigkeit von Matías und zum Ausbruch gebracht durch den Wilderer
Ànima, der ihr Gewalt antut.
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Der
Katalanin Catarina Albert i Paradís ist mit ihrem 1905 unter dem
männlichen Pseudonym Víctor Català veröffentlichten Roman ein Werk
gelungen, das die katalanische Literatur im Gleichklang mit anderen
Literaturen in Europa ausweist. Die Einsamkeit als Thema der ungestillten
Sehnsucht der jungen Frau im Kerker der Ehe hatte der realistische
naturalistische Roman bereits in Mode gebracht. Und in diesem Horizont mag
Mila wie eine entfernte Schwester der Emma Bovary, der Ana de Ozores oder
auch der Effie Briest wirken. Aber anders als jene Pathologien aus der
bürgerlichen Behaglichkeit der Städte entsteht hier in der Unwirtlichkeit
des bäuerlichen Lebens am Rande der Zivilisation das überzeugende Portrait
einer jungen Frau, die sich still und selbstbewusst aus ihrer
unbefriedigenden Ehe befreit – und das lange vor Federico García Lorca
oder D.H. Lawrence. |
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Für die Freunde des psychologischen Romans
ein Genuss, ein Muss für die Spurensucher feministischer Literatur.
Immerhin schreiben wir das Jahr 1905 in Europa, und das im
ländlichen Spanien! Figaro hat es diese Welt noch aus einem ganz
anderen Grund angetan: hier begegnen ihm Menschen wie der Schäfer
Gaietà, die ihre Zeit nicht mit Jammern oder Klagen verbringen.
Menschen, die stark genug sind, das Leben so zu nehmen, wie es
kommt, und sich dabei auch noch um andere zu sorgen. Menschen, die
wie Mila auch, die Fähigkeit besitzen, pflanzengleich sich dem
Rhythmus ihrer Umgebung anzupassen. Doch lesen Sie selbst den Beginn
des siebten mit „Frühling“ überschriebenen Kapitels: |
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„Die ersten Maitage waren
wundervoll: Das ganze Gebirge, voller Blütenduft, gleißend hell und
erfüllt von Vogelgesang, schien von seiner furchterregenden
tausendjährigen Greisenhaftigkeit befreit und zur verheißungsvollen Freude
seiner Jugend zurückzukehren. Jeden Morgen beim Aufstehen entdeckte Mila
neue Schönheit, die sie tags zuvor noch nicht wahrgenommen hatte; aber sie
entdeckte noch etwas anderes: Auch sie selbst schien schöner und jünger zu
werden. In ihrem klaren, hellen, doch immer ein wenig schwermütigen Augen
erschien ein fröhliches Blitzen, das Rot ihrer Lippen leuchtete mit nie
gekannter Intensität, ihre Brüste reckten sich prall wie die einer jungen
Mutter, und sie bewegte sich mit anmutiger Leichtigkeit. Diese äußeren
Veränderungen gingen mit überschwänglichen Gefühlen und einer gesteigerten
Empfindsamkeit einher, die sie selbst verwirrten, weil sie meinte, sich
fortwährend zu vervielfältigen und zu einer immer neuen Frau zu werden.“ |
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Dieser
osmotischen Einheit der Menschen mit der Landschaft begegnet Figaro oft auf
seinen Streifzügen durch die Felder der katalanischsprachigen Literatur,
in den Werken von María Barbal oder Mercè Rodoreda, von Jaume Cabrè oder
Carmen Riera, von Baltasar Porcel und … manchmal auch beim Bummeln durch
die Gässchen von Artà. |
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Dieser Autorin
würde Figaro gerne einmal im Interview gegenübersitzen. Denn die Lektüre
ihrer Kriminalromane hat seine Neugier geweckt. Genauer gesagt: die Figur
der Detektivin Lònia, aus deren Perspektive die Fälle erzählt werden.
Hier
drei im Fischer bzw. im Eichborn Verlag in deutscher Übersetzung
erschienenen Krimis Drei Männer (1985/dt. 1991), Miese Kerle
(1988/dt.1992) und Mallorca Mord inbegriffen (1994/dt.1996).
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Welch erfrischende Erscheinung in all ihrer
Unzulänglichkeit. Tabulos, impulsiv und unerschrocken löst die
feministisch angehauchte Lònia mit Hilfe ihres schwulen Assistenten
Quim ihre Fälle ohne Rücksicht auf Verluste und steht am Ende doch
düpiert, fast mit leeren Händen da, weil ihre Klientinnen, denen sie
Genugtuung verschafft, sich der für sie erbrachten Anstrengungen
kaum würdig erweisen: weder die reife Frau, der sie den Weg zur
Rache an ihren Vergewaltigern eröffnet, noch die naive Großerbin,
die aus ihrem Martyrium in den Fangnetzen internationalen
Frauenhandels nichts gelernt hat, und auch nicht die gewiefte
Wahrsagerin, von der sie sich, ohne es zu ahnen, auf die
Zerschlagung eines Kartells zur Kinderpornografie hat ansetzen
lassen. Sie wird mit den gefährlichsten Männern fertig und zahlt
dabei menschlich doch drauf, nicht zuletzt mit der Einsicht in die
Abgründe der menschlichen Natur. |
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Ihre Fälle
besitzen die Dynamik einer Lawine: Was wie ein Allerweltsfall mit einer
Vermisstenanzeige beginnt, entpuppt sich unversehens als das Drehen eines
viel zu großen Rades im organisierten Verbrechen, mit Mallorca als
internationaler Drehscheibe. Und Lònia
– ohne nachzudenken
– mittendrin, die
Hosen oft gestrichen voll, aber unverzagt. Helden sehen anders aus: Sie
strahlt nicht die Souveränität ihrer männlichen Vorgänger aus. Von
Sherlock Holmes über Maigret bis Pepe Carvalho keine Spur; aber Lònia
gewinnt durch ihre burschikose Unverzagtheit. Ihre Art der
Selbstzurücknahme verleiht ihr einen Zug quijotesker Überlegenheit: so
gewinnt sie, ob sie gleich scheitert
–
zumindest unsere Sympathie.
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Und wo sich
mit jedem neuen Fall die Konturen jedes Einzelnen verwischen, gewinnt Lònia, die sich wie einst die Lozana andaluza mit Francisco
Delicado ihre Schriftstellerin in Gestalt der Mallorquinerin Maria Antonia
Oliver zur Verkündung ihres Rufes selbst ausgesucht hat, immer deutlicher
als Kind der Insel an Profil. Ablesbar am Stolz auf ihren mallorquinischen
Akzent, am Misstrauen gegenüber dem Fremden und an der Ungeduld gegenüber
den Verkarstungen der heimischen machistischen Gesellschaft. |
| Was gäbe Figaro
nicht darum, mit Maria Antonia über Lònia ins Gespräch zu kommen!
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Roman aus dem Katalanischen
von Volker Glab |
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Frankfurt a. M.: Valentia 2008 (Mallorca erzählt.
Literatur der Balearen 10)
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Seit Figaro den Roman aus der Hand gelegt hat, geht er
ihm nicht aus dem Sinn. Er hatte schwer nur in ihn hineingefunden, jetzt fand er
schwer nur aus ihm heraus. Zu manieristisch im Stil, zu exzentrisch der
aristokratische Agent in Diensten der Ministerialbürokraten des demokratischen
Spanien, zu belanglos auch sein Auftrag: die Enttarnung eines Maulwurfs der
ausländischen Geheimdienste auf Mallorca zu Zeiten von Mauerfall und Perestroika.
Da lag für den Nordländer das „human interest“ nicht gerade auf der Hand. |
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Als ironische Metapher indes offenbart dieser eher
sperrige Spionageroman Figaro dann doch noch ein faszinierendes Eigenprofil –
jenseits des herben patriotischen Charmes der Gattung à la Childers wie der
kulinarischen Coolness eines James Bond. „Senyor Enric Puigdenfila i Visconti,
Vizegraf von Oloscau, Ritter des Heiligen Grabes und des Elfenbeinkreuzes, hoher
Beamter des Außenministeriums außer Dienst, Angehöriger der Geheimdienstes“
erzeugt als Dandy mit englischen Allüren Zwischentöne zwischen Gut und Böse,
stiftet Raum zur ironischen Entlarvung der narzisstischen Mythen hinter dem
Machogehabe der Geheimdienstler und gestattet augenzwinkernd mit seinen
distanzierten Beobachtungen einen unvermuteten Blick auf die komplexe Seelenlage
der Mallorquiner, ihren hochfahrenden Stolz, ihr tiefverwurzeltes Misstrauen
gegenüber allem Fremden und ihren abgrundtiefen Versagerängsten gleichermaßen.
Gleichsam spielerisch wird so der unterhaltsame Spionagethriller zum
verlässlichen Spiegel mallorquinischer Mentalitäten unserer Tage. |
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Keiner langen Kommentare bedarf es zu solchen Einsichten.
Es sind vielmehr beiläufige Bemerkungen, situative Beobachtungen unseres
Agenten, die schlaglichtartig diese im Dunkel der Verdrängung wabernden Mythen
der Insulaner erhellen. Sie blitzen in alltäglichen Situationen wie an
Wendepunkten der Geschichte auf. So der zwanghafte Reflex, den als
(fortschrittlicher geltenden) Nordeuropäern immer mindestens auf Augenhöhe
begegnen zu müssen, und sei es auch nur bei der Bestellung eines sorgsam ausgewählten Gerichts im
Restaurant: ein kurzgebratenes Brassenfilet mit Salzkartoffeln. |
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‚„Aber von denen aus Sa Pobla, ja?“, dazu einen gut
gekühlten Rheinwein, „Aber er soll von Rhein sein; ich will keinen Ersatz, es
gibt schon genug nachgemachte spanische, die so tun wollen, als wären sie
Europäer“, machte er dem Maître klar und lächelte dazu in stillschweigendem
Einverständnis.“ (S. 72) |
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Ungeachtet seines Distinktionsverlangens teilt unser
anglophiler Dandy sowohl das Misstrauen seiner Landsleute gegenüber dem Fremden
(S. 236) als auch deren Minderwertigkeitstrauma gegenüber den ach so
effizienten Nordeuropäern (S. 266). Als Kompensation genießt er die seiner
wachen Intelligenz und seinem Lebensstil geschuldete Überlegenheit gegenüber den
effizienten, aber hölzern, roboterhaft wirkenden Geheimdienstlern in der DDR (S.
200) in vollen Zügen und verachtet die ansonsten gefürchteten Kollegen aus
England, wenn sie sich als Touristen auf seiner Insel als Banausen entlarven (S.
256). |
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Der Spionageroman als Mythenkritik, kein schlechtes
Argument für eine Lektüreempfehlung, zumal diese geistreich und mit
augenzwinkerndem Lächeln erfolgt. |
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Senyoria
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Roman aus dem Katalanischen
von Kirsten Brandt |
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Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2010
(suhrkamp taschenbuch
4204) 444 S. |
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Dieser 1991 unter dem Titel
Senyoria in Barcelona auf katalanisch erschienene Roman ist eine der
gegenwärtig so beliebten historiographischen Metafiktionen, d.h. jenes
Typs von historischem Roman, in dem die Merkmale einer vergangenen Epoche
mit frei erfundenen Akteuren und Ereignissen eingefangen werden und dessen
Handlungsführung sich als spannende mise-en-abîme entpuppt. |
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Die Handlung spielt in der Endphase des
Absolutismus in den tonangebenden Kreisen von Barcelona, einer Zeit,
die gekennzeichnet ist durch die postrevolutionäre Angststarre der
Eliten in Europa vor dem Umsturz im eigenen Land. Die ökonomische
Erschöpfung des Adels auf der einen und die Skrupellosigkeit des
nachdrängenden Bürgertums auf der anderen Seite lassen jede Form
zukunftsweisenden Handelns zur sinnlosen Geschäftigkeit einer
Tretmühle verkommen. In Katalonien zumal, wo die Eliten die Ohnmacht
ihres Stellvertreterdaseins für die okkulten Machthaber im fernen
Madrid durch rauschende Feste überdröhnen. Die Millenniumsfeier des
Jahres 1800, in deren Verlauf der Gerichtspräsident von Barcelona,
der sich so gerne im Glanz seines Titels Sa Senyoria sonnte, seinen
Tod und der Roman sein Ende findet, ist trauriger Höhepunkt dieser
Haltung. |
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Postmodern ist auch die
Dynamik der Handlungsführung: das Geschehen scheint so zufällig wie die
Wertmaßstäbe in der Gesellschaft beliebig. Obskure Vorfälle an der
Peripherie dieser Welt verrücken so die Statik des Zentrums. Eine Reihe
scheinbar zusammenhangloser Zufälle – der Tod eines angehenden Poeten nach
kurzer Liebesnacht mit einer nymphomanen Sängerin, die Lebensbeichte eines
vergrämten, rachsüchtigen Gärtners, das Auftauchen eines
kompromittierenden notariellen Protokolls – legen sich im Abgleich der
Perspektiven der Betroffenen unvermutet wie eine Schlinge um den Hals des
Gerichtspräsidenten, der nicht einsehen mag, dass sein längst verdrängtes
Verbrechen in Wahrheit der Ausgangspunkt so unterschiedlicher
Begebenheiten werden konnte. |
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Dass er die Schlinge
schließlich selber zuzieht, ist Ausdruck seiner Verblendung. Eine absurde
Ironie des Aufbaus: Alles, was der gehörnte Alte zur Vertuschung der
Ermordung seiner Geliebten unternimmt, fällt unerbittlich, aber gleichsam
auf Umwegen und unvorhersehbar auf ihn zurück. Eine Katharsis geht daher
von seinem Ende nicht aus. Sein Suizid sühnt nichts, weder seine
Verderbtheit noch die Korruption des Systems, dessen Teil er ist. |
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Erzählt wird diese Geschichte
aus fernen Tagen in wechselnden Modi der Ironie, frei von Pathos und
Besserwisserei, gleichsam eine diskrete Allegorie unseres eigenen Tanzes
um das Goldenen Kalb, in dem die Stellvertreter-Eliten unserer Tage ihre
schamlose Selbstsucht in einer Welt am Rande des Abgrunds inszenieren. |
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Nebeldame |
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Roman aus dem Katalanischen von Axel Schönberger |
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Frankfurt
am Main: Domus Editoria Europaea 2003, 167 S. |
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Wer Literatur als einen
besonderen Ort nationaler Standortsuche versteht, differenzierter und
nachhaltiger als jener andere, von der Hektik der politischen Schlagzeile
in den Massenmedien inszenierte, kommt hier voll auf seine Kosten. Ist
dieser 1987 unter dem Titel La Dama de les boires bei Plaza y Janés
erschienene Roman doch weit eher ein aktuelles Reflexionsangebot über die
Identität der Insel als ein historischer Bericht, so kulinarisch anregend
dieser auch immer sein mag. |
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Und kulinarisch ist der
Kern der Geschichte allemal: die historisch verbürgte Verbindung
zwischen Erzherzog Ludwig von Österreich und der Tischlerstochter
Catalina Homar enthält gewiss das Potential eines
erfolgversprechenden Feuilletonromans à la Eugène Sue, die Erlösung
des mächtigen Fremdlings von seinen inneren Dämonen durch die Liebe
der einheimischen Schönen eingeschlossen. Dass hier freilich die
Liebe nicht siegt und das Idealbild des legendären Liebhabers der
Insel, dem wir ein bis heute lesenswertes Standartwerk über die
Inselgruppe – Die Balearen in Wort und Bild – verdanken,
hinter den despotischen Zügen eines libidinösen Freigeistes
verschwindet, wird den Reiz für den Leser kaum schmälern. Im
Gegenteil! Eine intellektuelle Leserschaft zumal wird für eine solch
mythenkritische Lektüre der auf Mallorca immer noch sehr lebendigen
Überlieferung des Aufsehen erregenden Treibens dieses
großaristokratischen Sonderlings zwischen Valldemossa und Deià im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eher dankbar sein.
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Inszeniert wird diese Entzauberung durch die Wahl
eines Dritten zur dominanten Perspektive des Romans. Als Martí, der
zunächst noch namenlose Ich-Erzähler, seinen Bericht über die wahre Natur
der Beziehung des Erzherzogs zur Insel und der dort von ihm abhängigen
Menschen beginnt, lebt er als Klausner in einer kleinen Einsiedelei nahe
S’Estaca, wo Catarina, die Catalina des Romans, dessen Weingut während der
quälend langen Abwesenheit des umtriebigen mächtigen Eindringlings bis zu
ihrem Tode verwaltet hatte. Auch für ihn wie für die zur Senyora
aufgestiegene Lieblingskonkubine, zu er sich lange selbst in heimlicher
Liebe verzehrte, war der Mächtige aus dem Norden unvermutet Liebhaber,
Vater und Mentor geworden, dem der ungebildete Bauernsohn von einst nicht
nur seine leidvollen Verirrungen, sondern auch seinen Aufstieg zum
Ordenspriester verdankt. So wird sein langer Brief an die Adresse des
ersehnten, so lange schon fern von Mallorca in der Welt umherschweifenden
Herrn, jenes Verführers und Förderers in eins, zu einem schwierigen
Rechenschaftsbericht, zum schmerzlichen Versuch einer Selbstvergewisserung
durch Distanznahme. |
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Dieser Versuch beginnt am Tag des Todes der an
einer ansteckenden und unheilbaren Hautkrankheit verstorbenen Geliebten am
„11. April 1905, zur Stunde des ersten Schlafes“ und endet ein Jahr später
am „4. April 1906, während des Vespergesangs“, als auch der Erzähler
bereits die tödlichen Flecken auf seiner Haut bemerkt. In der Strenge des
klösterlichen Tagesablaufs ringt er in Form eines Journal intime in
seinen über diesen Zeitraum verteilten Tagebucheintragungen – 27 an der
Zahl – nach Ordnung in seinen Erinnerungsfetzen und nach Bewertung des
überlegenen Fremden für die Insel und ihre Menschen. Ein schwieriges
Unterfangen: so assoziativ die Erinnerung Raum und Zeit überfliegt – die
letzten fünf Jahre einer gewollten Abwesenheit Ludwigs von der Insel, aber
auch dessen Kindheit in der Toskana und dessen sporadischen Kontakte zum
Hof des kaiserlichen Wien –, so vielschichtig erscheinen die Urteile über
das Zusammentreffen zweier derart unterschiedlicher Welten, über die
Ambivalenz von Fortschritt und Zerstörung, über Fluch und Segen von
Schönheit und Macht. |
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Leicht überschaubar – kulinarisch – ist eine
solch postmoderne Erzählanlage selten, aber hier belohnt sie Geduld und
Mitwirkung des Lesers, wird gar zur Einladung an den neugierig gewordenen
Zeitgenossen. Denn die Brüche und Sprünge, Überlappungen und Auslassungen
öffnen zugleich Perspektiven, die über das Anekdotische dieser sonderbaren
Dreierbeziehung weit hinauszielen, und weiten so die Erzählung vielfältig
zur zeitgenössischen Allegorie. |
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Im Horizont der hitzigen
Debatten über die Folgen des Massentourismus heute – der heutzutage
vielfach sogenannten
„sechsten Invasion“ der Insel – wirken die Überlegungen Martís freilich
wohltuend differenziert, bieten die Irrungen und Wirrungen unserer
Protagonisten im Roman wenig Raum für Stammtischurteile oder die
Totschlagargumente des Boulevard. Schwer zu sagen, wer hier Täter, wer
Opfer ist, wo die Grenze zwischen Ursache und Wirkung verläuft. Vielmehr
eine Schicksalsgemeinschaft der Einheimischen mit dem Fremden, dazu
verurteilt, gemeinsam nach Wegen in eine ungewisse Zukunft zu suchen. |
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Wer wie Figaro als Kind des
Rhein-Ruhrgebietes, einer Gesellschaft mit unabweislichen
Migrationhintergrund, Liebhaber solch hintergründiger literarischer
Identitätsdiskurse ist, wird bereitwillig hinter der historischen Erzählung solch
aktuellen politischen Dimensionen nachspüren. Und hier muss er auch nicht
lange suchen, um fündig zu werden, um hinter den abschweifenden
Erörterungen des Erzählers über die Freiheitskämpfe im kaiserlichen
Vielvölkerstaat zur Zeit des Fin de Siècle etwa die brisante
Standortsuche der Insel innerhalb der Països Catalans wie mehr noch
innerhalb Spaniens, jener – eigenem Bekunden nach – „nación de quatro
nacionalidades“, ansichtig zu werden. |
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Kurzum: Eine lohnenswerte Lektüre für alle,
denen das Schicksal der Insel ans Herz gewachsen ist. |
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Piñol |
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Roman aus dem Katalanischen
von Angelika Maas |
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Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 32007 (16557) 251 S. |
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Diesen 2002 im Original
unter dem Titel La pell freda – Die kalte Haut – erschienenen
Bestseller musste Figaro gleich ein zweites Mal lesen. So schaurig
schön und rätselhaft erschien ihm diese Erzählung eines vom Triumph
der eigenen Bewegung frustrierten Freiheitskämpfers der irischen
Republik, der sich für ein Jahr als Wetterbeobachter auf ein
gottverlassenes kleines Eiland am Rande der Antarktis verpflichtet
und der nach Ablauf des Jahres – den sicheren Tod vor Augen –
gleichwohl die Rückkehr in den Schutz der Zivilisation verweigert.
Genauso wie bereits ein Jahr zuvor der Spezialist für Seezeichen Batís Caffó bei der Ankunft des namenlosen Ich-Erzählers die
mögliche Rückkehr ausgeschlagen hatte, und der inzwischen von den
unheimlichen Froschmenschen getötet wurde, die nachts im Schutz der
Dunkelheit lautlos dem Meer entsteigen, um die Insel gegen den
erbitterten Widerstand der beiden einzigen Menschen dort zu
besetzen. |
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Auf den ersten Blick ein
spannender Abenteuerroman mit Elementen von Fantasy und Science Fiction,
linear, handlungsorientiert und in präziser Diktion erzählt, gewiss! Auf
den zweiten indes eher ein Stück jener emblematischen Literatur, in der
die erzählte Geschichte als Exempel einer vorangestellten allgemeinen
philosophischen Einsicht oder anthropologischen Wahrheit fungiert. |
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Auch hier eröffnet ein
Aphorismus die Erzählung, der gleichsam als Sinnspruch für das Folgende
empfohlen wird. „Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken.
Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nahe
sind. Als ich mich einschiffte kannte ich dieses grausame Gesetz bereits.
Doch es gibt Wahrheiten, die unsere Beachtung verdienen, und solche, mit
denen wir uns besser nicht befassen.“ (S.5) |
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Im Horizont der zweiten
Lektüre scheinen die Stationen des Romans – Extremsituationen allemal –
dieses „grausame Gesetz“ der menschlichen Natur zu illustrieren: das
Eingespanntsein „in einer von Gewalt gesteuerten Welt, die das Unglück der
Menschen endlos fortsetzt“ (S.35), solange das Nicht-Verstehen-Können des
Gegenüber die Regel bleibt. Gefangen in der eigenen Haut, bleiben die
Fremden [hier: die „Citauca“, sprich die Acautic, die Unterseewesen und
die Überläuferin „Aneris“, sprich Sirena, die Geliebte aus dem Meer) oder
der Andere (hier: Batís Caffó, der „Scheißösterreicher“ (S. 224)]
angstbesetzte Gegenüber, die uns eine Reise ins Innere des eigenen Ich
aufnötigen, vor der wir nicht selten – wie unserer Ich-Erzähler auch –
nur erschaudern können. |
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Emblematisch auch die
Ausgangssituation unseres Ich-Erzählers: Die Flucht aus Frust aus der
Mitte an den Rand der Zivilisation. Sie ist spätestens seit der Romantik
ein Grundmuster fiktionaler Reiseliteratur, von Chateaubriand bis Joseph
Conrad oder Alejo Carpentier immer neu mit großem Erfolg variiert. Und
natürlich fehlt die mit einem solchen Abenteuer einhergehende
Relativierung Europas und seiner Werte, die uns seit der Frühen Neuzeit,
in den Erfahrungsberichten der spanischen Eroberer, mehr noch in den
skeptischen Essais eines Michel de Montaigne begegnet, auch hier
nicht. Im Rausch der Stille verdankt wohl nicht zuletzt dieser
universalen kulturellen Vernetzung seine breite Resonanz als spannende
Unterhaltung und als Reflexionsangebot. |
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Figaro nimmt solche Angebote
immer gerne an – natürlich auf eigene Gefahr und ohne Gewähr. „Ich war das
letzte Sandkorn dieses unendlichen Strandes, der Europa heißt.“ (S.172)
Dieses ungewöhnliche, schöne Bild für das Gefühl der Verlorenheit unseres
Protagonisten etwa lud ihn einen Moment lang zum Verweilen ein. Auf der
Ebene der Erzählung ist die tiefe Ernüchterung dieser Feststellung im
Gefolge eines schier ausweglosen Abwehrkampfes gegen die unnachgiebigen
Citauca unmittelbar nachempfindbar. Im Horizont des zuvor skizzierten
posteurozentrischen Diskurses wirkt diese Metapher Europas zugleich als
Appell, das Gewicht und die Stellung dieses kleinsten aller Kontinente im
Zeichen der aktuellen Globalisierungstendenzen neu zu vermessen. Eine
nicht ganz unzeitgemäße Überlegung auf einem dramatisch schrumpfenden
Archipel! Wird das einst stolze Europa bald selbst „eine verlorene [Halb-]Insel
am Rande der bewohnbaren Welt“, als Festung unablässig berannt von
undurchschaubaren Fremden wie das Eiland unseres Ich-Erzählers? – „Ein
Stück Land, das zwischen dem Grau des Ozeans und dem Grau des Himmels
zerdrückt wurde und von einem weißen Schaumband umgeben war“. (S.6) |
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Mit anderen Worten: Anlage, Schreibart und
Thematik dieses Romans provozieren eine wiederholte Lektüre und sie
verdienen sie auch. Er ist zudem der erste internationale
katalanischsprachige Bestseller seit dem Neuanfang dieser Literatur in den
sechziger Jahren mit universalem Anliegen, bei dem auf der Ereignisebene
die Bespiegelung des tema de Catalunya zumindest nicht im
Vordergrund steht. |
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diamant |
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Auf der Plaça del Diamant - |
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Roman aus dem Katalanischen
von Hans Weiss |
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mit einem
Nachwort von Gabriel García Márquez |
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Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007 (st 3878) 251 S. |
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Natàlia, die Ich-Erzählerin dieses Romans, hat schon als junges Mädchen lernen
müssen, sich widerspruchslos an die Gegebenheiten anzupassen, an die
Lieblosigkeit im Hause des Vaters, in dem die Stiefmutter den Ton
angibt, an die Launen ihres Taugenichts von Ehemann Quimet, der sie
nur noch Colometa, das Taubenmädchen nennt und ihr jede
Eigenständigkeit abspricht, obwohl er sie mit der Sorge um ihre
beiden Kinder alleine lässt, an die Ausbeutung auch durch ihre
herzlose Herrschaft, in deren Diensten sie Hunger und Not während
des Bürgerkrieges getrieben haben. Sie hat lesen und schreiben
gelernt, genug um Backwaren zu verkaufen, zu wenig, um zu verstehen,
warum Männer in den Krieg ziehen, um – wie ihr Mann und ihre Freunde
– dort den Tod zu finden, und warum danach Sieger Besiegte auf
offenem Platz erschießen. Dieser allgemeinen Todesspirale ist sie
hilflos ausgeliefert, bevor der Zufall einer Begegnung mit Antoni
sie davor bewahrt, sich in ihrer Verzweifelung mit ihren beiden
Kleinen das Leben zu nehmen. Erst an der Seite dieses fürsorglichen
Kolonialwarenhändlers, der impotent als Kriegsinvalide den Wahnsinn
überlebt hat, findet sie mühsam zu sich selbst und ein bescheidenes
Glück als Mutter und Frau. |
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Eine Allerweltsgeschichte aus dem Barcelona der 30-er Jahre mithin. Im
Mittelpunkt steht eine einfache Frau, fraglos fremdbestimmt von ihrem
Vater, ihrem Mann, ihrem Arbeitgeber, von der Gesellschaft und überrollt
von den Ereignissen. Nichts Spektakuläres halt. Und doch hat diese
Geschichte aus einer anderen Zeit Figaro unmittelbar angerührt. Zugegeben,
Geschichten aus dem Alltag der kleinen Leute haben es ihm schon immer
angetan. Aber diese ging ihm so sehr unter die Haut, dass er bei ihr mit
wachsendem Interesse zu wiederholter Lektüre verweilen mochte. Es war wohl
zuerst der suggestive und eindringliche Ton, der auch in Momenten höchster
Not frei von deklamatorischem Pathos bleibt, der ihn immer neu fesselte.
Hier wirkt alles sinnlich, konkret, authentisch. Diese Wirkung ist –
technisch gesprochen – der personalen Erzählsituation mit Reflektorfigur
geschuldet, d.h. die Romanfigur ist hier nicht nur Handlungsträger, sie
fungiert auch als Ersatz eines (auktorialen) Erzählers, und das
gleichermaßen in erzählender und in reflektierender Weise. Wir
partizipieren so unmittelbar an den Bewusstseinslagen der Figur, teilen
deren Perspektive, ohne doch von ihr vereinnahmt zu werden. |
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In etwa so wie in jener Situation, in der die
allein gelassene Frau unter der alltäglichen Überforderung schier zu
zerbrechen droht: |
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„Das Gegurre verfolgte mich,
wenn ich morgens zur Arbeit ging, es war wie eine Hummel, die in meinem
Gehirn rumorte. Manchmal sagte mir die Senyora etwas, aber ich war so
zerstreut, daß ich ihr nicht antwortete, und da sagte sie dann, hören sie
mich denn nicht? |
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Wie sollte ich ihr denn sagen,
daß ich nur noch die Tauben hörte, daß mir die Hände nach Schwefel rochen,
den ich in die Tränken tat, und nach Futter, das ich vorsichtig in den
Freßnäpfen verteilte, damit auch nichts verloren ging und damit es überall
gleichmäßig verteilt war. Wie sollte ich ihr denn sagen, daß ich jedes
Mal, wenn ein halb ausgebrütetes Ei aus dem Nest gefallen war, vor dem
Gestank zurückschreckte, auch wenn ich mir die Nase mit zwei Fingern
zuhielt. (...) Und daß alles nur deshalb angefangen hatte, weil ich bei
ihr zu Haus arbeiten musste und so müde war, daß ich mich nicht einmal zum
Nein sagen aufraffen konnte, wenn es nötig war. Wie sollte ich ihr denn
sagen, daß ich niemanden hatte, dem ich mein Leid klagen konnte, daß meine
Qual eine Qual ganz für mich allein war, und wenn ich mich ab und zu mal
zu Haus beschwerte, fing Quimet an und sagte, sein Bein täte weh. Wie
konnte ich ihr denn sagen, daß meine Kinder wie zwei verwahrloste Blumen
waren, und daß meine Wohnung, ein richtiges kleines Paradies, jetzt nur
noch eine große Rumpelkammer war, und daß ich abends, wenn ich die Kinder
zu Bett brachte und ihnen das Nachthemdchen hochhob und auf den Nabel
drückte und Klingeling machte, damit sie lachten, nur das Gegurre von
Tauben hörte, und mir der Geruch der fiebernden Tauben nicht aus der Nase
ging. (...)“ (S. 114 f.)
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An Stellen wie diesen ist
Figaro geneigt, dem Lob des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel
García Márquez über die Erzählkunst von Mercè Rodoreda uneingeschränkt
beizupflichten: „ Offenbar wissen nur wenige Leute außerhalb Kataloniens,
wer diese unsichtbare Frau war, die in herrlichem Katalanisch einige
schöne und harte Romane schrieb, von denen es in der gegenwärtigen
Literatur nicht viele gibt. Einer von ihnen – Auf der Plaça del Diamant
– ist, meiner Meinung nach, der schönste, der nach dem Bürgerkrieg in
Spanien veröffentlicht wurde.“ (S. 227) |
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Wie hoch auch immer der
Einzelne diesen Roman aus dem Jahre 1962 für sich persönlich ansiedeln
mag, eine Begegnung mit dieser 1983 verstorbenen Erzählerin lässt den
Leser hoch beschenkt zurück, La Plaça del Diamant ebenso wie
Mirall trencat (Der zerbrochene Spiegel) oder Tots els
contes („Sämtliche Erzählungen“). Sie öffnen ihm den Blick für die
Unterschicht und bringen ihm unabweisbar die weibliche Sprache zu Gehör.
Ein selten gewordenes Lesevergnügen. Dank Mercè Rodoreda hat auch der
katalanische Roman teil an der europaweiten Erneuerung der Gattung in den
50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. |
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trottel |
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Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke
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Frankfurt am Main:
Frankfurter Verlagsanstalt 2009, 142 S.
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Den gegenwärtigen
Meister der katalanischen Kurzprosa hat Figaro in dessen neuestem
Erzählband „Tausend Trottel“ schnell an der unverkennbaren
Stilgroteske erkannt. Die Kurzgeschichte Am Samstag in diesem
Band mag da als Beispiel stehen. In ihr erleben wir aus der sicheren
Distanz eines analytischen Beobachters, wie eine Sechzigjährige an
einem einzigen Tag alle greifbaren Erinnerungen an ihr bisheriges
Leben, an ihre Ehe zumal, mit gnadenloser Konsequenz entsorgt. Was
mit dem raschen Schnitt in ihr Hochzeitsfoto, aus dem sie ihren
Ehemann entfernt, beginnt, findet mit dem ebenso ungerührten Stich
in den eigenen Daumen als Auftakt einer peniblen Selbstenthäutung
seinen Abschluss, nachdem zuvor bereits alles andere in Haushalt und
Wohnung, was jemals mit ihm in Berührung gekommen war – Kleider und Mobiliar, Fliesen und selbst die Farbe an den Wänden – auf dem Müll
gelandet ist. Da lohnt ein Blick auf das Ende der Geschichte: |
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„Es ist Samstag, und deshalb
ist es überall still. Im Hausflur, in den anderen Wohnungen, auf der
Straße. Fast alle schlafen noch. Sie steckt die Hände in die
Schürzentasche und spielt mit der Schere. Sie holt sie heraus, und mit der
Stelle, wo sie am spitzesten ist, sticht sie in die Haut des linken
Daumens, dicht neben dem Nagel, und als es ihr endlich gelingt, die Stelle
einzuritzen, steckt sie die Schere wieder in die Schürze und reißt mit der
rechten Hand nach und nach die Haut ab. Ab und zu hält sie inne und tupft
das Blut mit der Schürze ab.“ (S. 43 f.) |
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Diese Pointe als Höhepunkt
ihrer Selbstentsorgungsorgie ist geradezu zum Weinen komisch und offenbart
zugleich die existentielle Absurdität ihrer Aktion. Die tragikomische
Wirkung verdankt sich der Stilgroteske, die Quim Monzó so virtuos
beherrscht. Die Diskrepanz zwischen dem analytischen Gleichmut der
Beschreibung und der tabuisierten Ungeheuerlichkeit des Beschriebenen, die
konkrete Detailgenauigkeit im Unsagbaren, nicht zuletzt das äußerlich
fassbare An- und Abschwellen im Rhythmus der Sätze als Ausdruck der
inneren Dramatik sind hier die auffälligsten Merkmale. |
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Es sind nicht die einzigen.
Die Vorliebe für Allerweltsfiguren mit exzentrischer Macke – tausend
Trottel halt – und der erfrischende Blick für das Ungewöhnliche im
Alltäglichen machen auch diesen Erzählband zu einem humorvollen
Lesevergnügen. Eine Spur melancholischer vielleicht als bei den früheren
Sammlungen – „Vom Grund der Dinge“ (1995) etwa oder „Die beste aller
Welten“ (2002). Haben doch Altern, Sterben und Tod sich hier thematisch
auf Kosten der Sexualität in den Mittelpunkt geschoben, eine Tendenz, die
bereits in der 2007 herausgebrachten Sammlung seiner Erzählungen unter
dem Titel „Hundert Geschichten“ erkennbar war. |
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Für Figaro war die Begegnung
mit Quim Monzó literarisch gleichwohl stets ein Vergnügen. Dieses 2007 im
Original unter dem Titel „Mil cretins“ erschienene, einmal mehr von Monika
Lübcke virtuos übersetzte und von der Frankfurter Verlagsanstalt
handwerklich sehr ansprechend gestaltete Bändchen, macht da keine
Ausnahme. Schließlich ist auch Figaro älter geworden. |
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Ob er den in Katalonien
vielfach ausgezeichneten Erzähler darum gleich als angehenden
Nobelpreisträger sieht, wie etwa die Tageszeitung „La Vanguardia“, für die
der 1952 in Barcelona geborene Autor seit Jahren als Kolumnist tätig ist,
sei dann doch dahin gestellt. Einstweilen reicht ihm dessen Verortung in
der illustren Familie der grotesk absurden Avantgarden des 20.
Jahrhunderts für eine nachdrückliche Lektüreempfehlung völlig aus.
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